After the War

Begonnen von ufo, 17 August 2005, 16:09:28

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ufo

Gern wird der 9. Mai '45 in einen rosigen Tag der Befreiung zurechtgeschönt. Da kommt dann so ein Geschichtsbild bei heraus, wo nach dem Elend der bösen Nazi Zeit auf einmal Friede war, die Blumen blühten (Kunsststück - war ja Mai), Care-Pakete zu Hauf eintrudelten und alle eifrig das Wirtschaftswunder planten. Das Bild ist schief.

Trotzdem bezweifle ich dass das Deutsche Fernsehn zur besten Sendezeit anderthalb Stunden darüber berichten würde wie sich die Besatzer danebenbenommen haben und wie unendlich elend die Situation in Deutschland 1945 / 46 eigentlich war.

Darüber war 'After the War'. Anderthalb Stunden wurde dokumentiert wie die Allierten Truppen in Deutschland plünderten, vergewaltigten und zerstörten; wie Deutschland sich durch einen eisekalten Winter 1945 quälte und durch einen noch unglaublich viel kältern 1946.

Da erzählte ein Veteran wie man im April 1945 immer grade schnell genug vorrücken musste, um vor der Militärpolizei da zu sein. Dann hatte man grad genug Zeit um sich das richtige Haus auszusuchen und mitzunehmen; Radios, Kameras (Gern Leica), Schmuck, dann wieder rauf auf den Wagen und weiter.

Da wurde aber auch deutlich gemacht auf welchem Boden Übertretungen des Völkerrechts gedien. Die Flüchtlingsströme, die sich in alle Himmelsrichungen durch Deutschland wälzten; Norweger und Dänen nach Hause, Holländer und Russen, Polen, Franzosen, Ungarn und Tschechen und zahllose Deutsche nicht zuletzt; Soldaten aus der Kriegsgefangen schaft, Soldaten in die Kriegsgefangenschaft. Das war weitgehend unorganisiert und chaotisch.
Die Allierten Militärbehörden waren meist schon sehr erfolgreich wenn nicht zweitausend Flüchtlinge in ihrem Amtsbezirk verhungerten.

War schon gruselig wie ein Britischer Veteran dann von den entsetzlichen Befreiung Belsens erzählte, von den Rachegefühlen an den Deutschen, allen Deutschen! Als er dann sagte dass das Pauschalurteil von damals wohl verständlich war aber wohl auch Unrecht kamen ihm die Tränen und er ging aus den Bild.
Den in Deutschland vorrückenden Truppen wurde wenig, wenig Grund gegeben Nachsicht zu üben, Anstand und Moral zusammenzuhalten.  

Auf der Basis wurde dann halt gern mal zugelangt. Ein erheblicher Teil des ehemaligen Kaiserlichen Kronschatzes sowie des Schatzes des Hauses Mecklemburg lag in Schloss Glücksburg wo er 1945 von der Britischen Armee geklaut wurde. Einfach so – hinfahren – reingehen - einpacken – wegfahren. Der Raub von 6.ooo.ooo £, der grösste Beutezug in der Geschichte der Britischen Armee, ist nie vollständig aufgeklärt worden.
Beutezüge dieser Art mit dem Panzer vors Herrenhaus gab es zu Hauf.
Man hatte Bergen Belsen befreit und man fühlte sich sehr, sehr, sehr im Recht.

Der offensichtlichen Plünderung folgte die Plünderung durch Marktwirtschaft

Im ersten Jahr der US Beasatzung in Berlin wurde 1.ooo.ooo US$ Sold ausgezahlt. Davon wurden 3.ooo.ooo US$ nach Hause gesandt. ?! Der Kommandierende einer Aufklärungseinheit zu deren Aufgaben das Aufspüren von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Nazi-Grössen und Gestapo Angehörigen gehörte, berichtete, dass seine Einheit vollständig handlungsunfähig war, weil der Mitarbeiter mit dem Schwarzmarkt ausgelastet waren. Nicht als Polizisten! Als Händler!
Nachdem die erste Phase der geradlinigen Plünderung vorbei war, wurde jetzt aus der Not eine Beute gemacht und Army Rationen gegen Wertgegenstände getauscht.


Einem näher ging es dann schon wenn es nicht um plinkernde Steinchen sondern um die Lebensgeschichte und Erfahrungen von Menschen ging.
Teils sehr fürsorglich, teils sehr distanziert und indifferent gingen die Besatzungstruppen mit dem verheerenden Winter 1945 um. Die eigenen Soldaten wurden satt und hatten es warm. Ob Deutsche Zivilisten erfrohren ging wohl nicht allen sonderlich nah.
Die Berichte darüber von Augenzeugen und Überlebenden waren nicht unbedingt leichte Unterhaltung.

Nicht leichte Kost auch die Berichte über die Vergewaltigungen durch die Besatzer.
Da berichtete ein ehemaliger Arzt aus einem Lazarett in der Französischen Besatzungszone von dem unendlich Strom vergewaltigter Mädchen und Frauen, die die Französischen Truppen dem Lazarett beschehrten. Von den folglichen Selbstmorden, den Todenfällen bei Schwangerschaftsabbrüchen.

Eine Frau war mutig genug vor der Kamera von den Vergewaltigungen von Mädchen und Frauen in Berlin zu erzählen. Schwer vorsellbar wie die es damals geschafft haben auf den Erfahrungen der Zeit ein ganzes Leben aufzubauen.


Alles in allem ist 'After the War' nicht unbedingt leichte Kost aber eine sehr, sehr sehenswerte Dokumentation. Die Macher haben den Drahtseilakt geschafft ein unerfreuliches Thema mit Takt und Anstand zu behandeln; dabei Ursachen für Verfehlungen aufzuzeigen ohne Schuld zuzuweisen!
Barbareien des Sicherheitsdienstes in Weissrunssland kann man nicht ausrechnen gegen Massenvergewaltigungen in Berlin, den Betrieb von Konzentrationslagen nicht wiegen gegen Kunstraubzüge durch Norddeutschland.



Schaut man nun die Beiträge bei zum Beispiel der 'Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft e.V. Hamburg' an so überkommt einen ein leises Gruseln. Revisionismus lebt davon dauernd nach Hinten zu gucken. Dabei geht man rückwärts und läuft irgendwann zwangsläufig gegen eine Wand.
Revisionismus gedeiht in einer Gesellschaft, wo man gar zu grosse Tabus aufbaut. Wer die Massenvergewaltigungen durch Russische und Französische Truppen, die Plünderungen durch Briten und Amerikaner, das mehr oder minder gelangweilte Verhungernlassen Deutscher Kriegsgefangener in Französischen und Amerikanischen Lagern leugnet tut der Gesellschaft letztendlich einen Bärendienst. Der 9 Mai mag ein Tag der Befreiung gewesen sein. Was danach kam war vielfach weder schön noch zivilisiert.
Es ist eher unglücklich, dass man das eher beim Britschen Staatssender BBC  zugeben kann denn bei der ARD.

Britische Dokumentationen über Deutsche Schlachtschiffe kann man im Deutschen Fernsehn zeigen. Ich bin gespannt ob ein Deutscher Sender mutig genug ist 'After the War' zu übernehmen.


Ufo

Grubert

Moin,
man kann sich wundern aber soweit ich von einem Kumpel gehört habe soll der WDR großes Interesse an der Dokumentation haben.
Ich habe bisher nur davon gehört (@ufo ...und jetzt bei dir gelesen)

Viele Eindrücke, die ich vorher schon durch das Lesen der Akten bei uns im Kreisarchiv gewonnen hatte, finde ich hier bestätigt. (Raub, Vergewaltigung, Mord und systematische wirtschaftliche Ausbeutung)

Besonders eindrucksvoll ist aber der Unterschied zwischen den monatlichen "Lageberichten" der Bürgermeister an den Kreis-resident-officer auf der einen und den direkt daneben abgehefteten schriftlichen Beschwerden und Eingaben der einzelnen Bürger auf der anderen Seite. (Wobei die erste Hemmschwelle ja die Anzeige war, die in der Regel schon durch das Verhalten der Soldaten verhindert wurde)

Problematisch schein mir in jedem Fall das Thema Kommunikation gewesen zu sein.
Die Umsetzung der schriftlichen Befehle (Lüneburg war britisch besetzt) durch deutsche Amtspersonen gelang nur schlecht. Ursache hierfür waren neben dem Fehlen von Kommunikationsmitteln und Kommunikatioswegen  schlichtweg die Befehlsgewalt "vor Ort".

- Beiweis: Unterlagen über die Beschwerde beim Kreis-resident-officer in Lüneburg, wegen Repressalien gegenüber dem Bleckeder Bürgermeister,  weil der Bürgermeister einer deutschen Frau (die mit einem britischen Offizier leiert war) nicht direkt vor Ort die Zuzugsgenehmigung erteilt hat, obwohl keine Abmeldebestätigung ihrer Heimatgemeinde vorlag.
Der kommandierende Offizier behauptete, daß sein Wort mehr gelte als die jeweils bestehenden Bestimmungen. (Quelle: Landkreis Lüneburg, Archiv, Berichte an die Militärregierung 1945 - 1949, Akten: 954,7; 954,8 und 955,1)

Ab Ende 45 wurden dann in den Dörfern "Schwarze-Bretter" aufgestellt.
(Schwarze Bretter daher weil oftmals einfach die Schultafeln von den Wänden gerissen wurden) Dadurch sollten dann, mehr oder minder gut übersetzt, Befehle und "Informationsschriften" der Bevölkerung zugänglich gemacht werden.

Konkrete Einflussnahme durch die Militärbehörden sah in meiner Heimatstadt so aus:

Der Ölhof in Bleckede verschwand am 19.April 1945 aus den Akten und der Öffentlichkeit. Erst ab July 1948 sind einzelne Aufzeichnungen im Archiv zu finden. Die Demontage und der Abtransport aller Pumpen und Anlagen erfolgte ganz offiziell durch die Militärbehörde. Dabei wurden bis 1949 in der Region Bleckede über 150 ha Wald abgeholzt und gleich mit verschifft. (Mir liegen Luftbilder vor die diesen Umstand beweisen.)
Die Plünderung einer Region erfolgte eben nicht nur durch die ungleichen Geschäfte von Mensch zu Mensch (weil die Bevölkerung Hunger litt und die Besatzer über Versorgungsgüter verfügten) sondern auch auf Anordnung durch die Militärbehörde - allso befohlen durch die (in diesem Fall) britische Regierung, später als Reparationsleistungen deklariert.

Ein Zeitzeuge berichtet, daß  kriegsgefangene Marinesoldaten, mit Bussen und LKW aus Wilhelmshaven nach Bleckede gebracht, bei der Demontage der Anlagen und der Räumung der Versorgungsbunker eingesetzt waren. Später wurde die Verschrottung der verbliebenden Tanks und Rohrleitungen von deutschen Firmen übernommen.
Offizielle Aufzeichnungen über diese Aktionen habe ich aber bisher noch nicht gefunden.

Gruß Grubert
www.oelhof.de

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