Vp.Boot 1304 - Anhänge

Begonnen von Seekrieg, 14 August 2011, 10:48:53

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Urs Heßling

moin, Häuptling,

Zitat von: Urs Hessling am 14 August 2011, 13:56:43
Zitat von: t-geronimo am 14 August 2011, 13:25:47
Ich führe die beiden Themen mal zusammen. 

... dann auch noch mit dem thread "Weserübung-Erinnerungen ... " ?

warum nicht, evt. dann, wenn komplett, im HMA unter "Erlebnisberichte" ?

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

t-geronimo

Das Angebot hatte ich schon unterbreitet, aber darauf wurde nicht eingegangen, und ohne Einwilligung mache ich das nicht.

Mit Weserübung habe ich es nicht zusammengeführt, weil das ja thematisch doch zwei verschiedene Ereignisse sind.
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

Seekrieg

#17
30. Dezember 1939 Dresden
Schön ist es, wenn man wieder einmal mit Frau und den Kindern gemeinsam am Kaffeetisch sitzen kann. Die Fensterscheiben sind gefroren. Draußen ist es sehr kalt,– 15° C, aber das erhöht nur die familiäre Traulichkeit. Den Nachrichtendienst um 22 Uhr wollen wir aber noch anhören. Er meldet: ,,Ein deutsches Vorpostenboot strandete infolge Sturmes in der Höhe von Trelleborg. Die Besatzung wurde gerettet." Eiskalt durchzuckt es mich. Das ist unsere Ablösung! Gestürmt hat es dort auch immer. Sie werden Landschutz aufgesucht haben, und dabei wird es passiert sein. Mutti ist nicht weniger erschrocken, und ich muß lange reden, bis ich sie beruhigt habe. Trotz aller Seelenmassage bleibt ein dunkler Schatten zurück. -

1. Januar 1940 Dresden
Am liebsten möchte man sich den ganzen Tag nur mit den Kindern beschäftigen. Nach den Nachrichten hat Günter Fragen: ,,Sind Minen eigentlich feindlich?" will er wissen. Dann soll ich ihm auf dem Atlas noch zeigen, wie das große Schiff, die ,,Bremen", gefahren ist, daß sie die Engländer nicht gefunden haben.

5. Januar 1940 Dresden
,,Morgen muß der Vati fort. Dann sind wir wieder so allein." Unvermittelt spricht Günter das aus, was im Stillen schon wieder alle bewegt, und dann weint er. ,,Die könnten dich auch noch einen Tag länger bei uns lassen, oder könnte nicht wieder ein Ventil kaputt sein?" fährt er fort, jede eventuelle Möglichkeit überdenkend.

7. Januar 1940 Stettin - In See
0900 Uhr: ,,Leines los! Ruder hart steuerbord! Maschine ganz langsam anlaufen lassen!"
Von der Pier freizukommen, wird nicht leicht sein. Der anhaltende strenge Frost hat eine feste Eisdecke über den Strom gespannt. Soweit auch das Auge stromauf und -ab schaut, nirgends entdeckt es ein Fleckchen offenes Wasser, und an den Ufern geht das Eis unmerklich ins Weiß der winterlichen Landschaft über. Alle Grenzen und Konturen sind verwischt.
Schier ausgestorben ist in diesem Morgenstunden das Leben im Hafen. Sogar die Möwen mit ihrem ewig hungrigen Gekrächze fehlen. Es ist ein Gemälde von grauen Silhouetten auf mattweißem Grunde. Der leichte Dunst eines eiskalten Nebels liegt darüber und stellt viel zu hohe Anforderungen an das Vermögen einer schwachen Januarsonne.
Und nun soll Leben in diese winterliche Stille kommen, in dieses Schweigen auf dem Strom. Die Maschine läuft an. Krachend bersten unter dem schweren Bug die dicken Eisschollen. Senkrecht richten sie sich auf und versuchen das Boot zurückzuhalten. Allein, 780 PS vermögen auch etwas. Schließlich eilt noch ein kleiner Werftschlepper herbei, faßt unser Boot am Hinterteil und zerrt es vollends in die Fahrrinne. Das ist ein schmaler Streifen in der Mitte des Stromes, wo das Eis infolge des Schiffsverkehrs brüchig und aufgelockert ist. Es sieht aus, als habe ein braver Bauer mit seinem Pfluge in einer Breite von drei bis vier Furchen das Eis umgebrochen. In diesen aufgelockerten Eisstreifen zwängt sich nun unser Boot und schiebt sich langsam oderabwärts.
Es geht recht mühsam, und mit einem steten Schürfen und Scharren, Kratzen und Poltern. Unter Deck hört sich das Rumoren an wie das stete Kreisen des Mahlwerkes in einer alten Mühle. Trotz allem, wir fahren.
Am linken Flußufer treten jetzt Fabriken und Werftanlagen bis dicht an das Wasser heran. Frisch aufgeworfene Kohlenhalden erzwingen eine schlichte Schwarzweißkunst. Weiter stromab begegnen wir Fischern. In dicke Mäntel gehüllt stehen sie mitten auf dem vereisten Strom, schlagen Löcher in die starke Eisdecke und fordern vom Fluß ihren Tribut. Bald aber schaut das Auge nur noch Schnee und Eis. Breiter und weiter dehnen sich die Flächen. Wir fahren durchs Haff, holpernd und polternd. Verloren und starr hängen in regelmäßigen Abständen als Markierungszeichen schwarze Bojen im Eis. Wie vereinzelte Kommas auf einem Bogen weißen Schreibpapiers nehmen sie sich aus und scheinen zu kurzem Verweilen aufzufordern. Wir tun ihnen den Gefallen, müssen es wohl auch; denn die Zuleitungsrohre für das Kühlwasser sind zugefroren. Maschine und Kondensator laufen heiß. Nach kurzer Pause nehmen wir einen neuen Anlauf. Es geht weiter. Langsam nähert sich unsere Flottille Swinemünde. Hier nimmt uns endlich freies Fahrwasser auf.
Der Abend ist hereingebrochen. Letzte Vorbereitungen werden getroffen. 2045 Uhr laufen wir aus. Ich schalte die FT.-Station ein und Iasse zur Unterhaltung den Rundfunkapparat spielen. Leise klingt eine bekannte Melodie auf: Schön war die Zeit, da ich dich so geliebt. Bescheiden tritt mein FT-Empfänger zurück und verharrt im andächtigen Schweigen. Nur der Kopplungston singt und schwingt leise als Kontrapunkt im schweren Liede mit. Schön war die Zeit. -

8. Januar 1940 In See
Die erste Fahrt im neuen Jahr scheint sich für mich recht schwierig zu gestalten. Schwierig insofern, als mein Kamerad Hans Hellriegel nicht rechtzeitig vom Urlaub zurückgekehrt ist. Gegen Mittag sind wir auf Position und übernehmen unseren Abschnitt. Die See ist ruhig, trotzdem ist unser Boot infolge überkommender Böen völlig vereist. Besonders stark ist die Eisschicht auf den Wabos. Das ist schlimm; denn wenn uns jetzt ein feindliches U-Boot begegnet, könnten wir nichts unternehmen und müssen mit dem Bekämpfen bis zum Frühjahr warten. Dicht unter Land machen wir das Wrack des am 30. Dezember gestrandeten Vorpostenbootes aus. Es liegt horizontal mit starker Schlagseite nach Land und schaut mehr aus dem Wasser heraus als wir. Wir stellen die Lage auf der Seekarte fest. Kullagrund heißt die Untiefe. Sie setzt mit zehn Metern ein und zeigt an der Stelle des Wracks drei Meter.
Es geht auf 21 Uhr. Ich bin recht müde. Für heute Nacht, wenn der Funkverkehr ruhiger geworden ist, werde ich meinen FT-Neuling einmal versuchsweise an die Brust des Empfängers legen. Es ging nicht. Um 2400 Uhr schrieb ich mich von Wache. 0040 Uhr bin ich wieder aufgezogen. Mein neuer Kamerad kam allein nicht klar. Es geht, solange wie es geht!

9. Januar 1940 In See
Wir pendeln unsere Position ab, schön langsam hin und her und her und hin. Jetzt haben wir Kurs Nordwest. Dann wenden wir. Rückwärts geht die Fahrt mit umgekehrtem Kurs. Trotzdem darf man sich einen solchen Seetörn nicht langweilig und eintönig vorstellen. Irgendetwas geschieht  immer, und ist es nicht an Bord, dann im Äther. Zunächst gibt der eingehende Wetterbericht Anlaß zu allerhand Beobachtungen und Besprechungen. Dann wieder schreit ein vor Anker liegendes Sperrfahrzeug: ,,Schickt mir einen neuen Anker! Meiner ist samt Kette bei einer Minenexplosion plötzlich verschwunden." Anschließend mischt sich ein Vp.-Boot ins Gespräch und meldet Wetter und Eislage im Sund. Zwei Stunden später jagt wieder ein dicker FT durch den Kopfhörer. Ausgewickelt entpuppt er sich als eine dicke Zigarre vom BSO. Man kann nämlich auch funktelegraphisch seinen allerhöchsten Unwillen zum Ausdruck bringen, und das ist noch fataler. Alle Welt hört mit, und viele sind es, die sich daran ergötzen. Man lebt so gern vom anderen. Interessant sind auch die Nachrichten, die den Verkehr auf den einzelnen Schiffahrtswegen betreffen oder die Ausbeute des Kaperkrieges melden. Manchmal muß man auch die Seekarte zur Hand nehmen und die Untergangs-stelle eines Schiffes einzeichnen, wenn sein Wrack in flachem Wasser liegt und ein Schif-fahrtshindernis bildet.
So bringt jede Wache ihre Neuigkeiten und wenn man dann zum Mittagessen ins Deck hinuntersteigt, dann erfährt man von den Kameraden, was sich unterdessen an Bord zugetragen hat. So ist z. B. unser Pirunje wieder einmal ohne Wasser im Kessel gefahren und hätte damit dem kleinen Maschinen-obermaat, - ,,Schleichender Igel" nennen ihn die Kameraden, beinahe zu einem Ohnmachtsanfall verholfen. Man erfährt ferner, daß der Kommandant Briefe schreibt und daß infolgedessen mit der Ankunft eines Postbootes zu rechnen ist. Die Signäler vom Peildeck erzählen, daß es lausig kalt ist, daß heute morgen an die dreißig Dampfer in den Hoheitsgewässern von Trelleborg lagen, und ich gebe, soweit es angängig ist, meine ,,FTs. am Mittag" zum Besten.
Heute abend kam ,,Uranus" längsseits. Wir machten aneinander fest und gingen vor Anker. Bald trat auf den Booten Stille ein. Es braucht sie ein jeder. Nur die Boote selbst wollen sich nicht beruhigen. Trotz der stillen See wiegen sie auf und ab und puffen sich gegenseitig in ihre rostigen Flanken. Ängstlich klagen die Fender. Laut stöhnen die starken Taue.

10. Januar 1940 In See
Der Tag endet mit Wache, mit Wache beginnt der neue. Eben knirscht leise und taktmäßig ein kleiner 10-Watt-Sender durch die Nacht. Mit gewichtigem Baß mischt sich eine 200-Watt-Station dazwischen. Kräftig schlägt sie durch. Sie will den Kleinen durchaus zum Schweigen bringen, aber dieser gibt unbeirrt seine Zeichen weiter, so sehr auch der große dazwischenbellen mag. Kleine Leute haben auch ihren Stolz. Jetzt setzt sich noch ein Dritter auf die Welle und quakt dazwischen. Es ist wie in einem Dorf, wenn die nächtliche Stille plötzlich unterbrochen wird durch das heisere Gekläff eines Hundes. Im nächsten Augenblick sind alle anderen auch wach und lassen über die Gehöfte hinweg von einer Ecke zur anderen ihr Gebell hören, und keiner will sich vom anderen etwas sagen lassen. Nun müßte ich mich auch noch an die Taste hängen und ein paar Viktors zum Besten geben, aber ich hoffe, daß sie auch ohne mich klarkommen.
Gegen Morgen meldet sich unser Kamerad ,,Wuppertal", Vorpostenboot 1305. Er steckt im Eis fest. ,,Weiterfahrt nicht möglich", heißt es im Funkspruch. ,,Standort Greifswalder Oi, 6 sm ab." Das tut uns in der Seele leid, ,,Wupp" soll doch unsere Post mitbringen, und ich persönlich hoffe, daß auch Hans mitkommt. Ich kann doch nicht alle Wachen allein gehen.
Seit gestern abend drückt sich die Schreibmaschine vom Chef in unserem Funkraum herum. Was soll sie hier? Sie verlockt ja gerade zum Schreiben. Der Kommandant ist frühstücken gegangen. Gleich wird er wohl nicht wiederkommen und notfalls muß mich Obersteuermann Visser wahrschauen. Also her damit, ein Brief muß werden, und gleich drei Durchschläge.
,,In See, den 10.1.40. Meine Lieben! Da möglicherweise Postverbindung besteht, will ich schnell ein paar Zeilen schreiben und Euch berichten, wie es mir geht, usw." In einer halben Stunde sind zwei Schreibmaschinenseiten fertig. Name darunter und nun fehlt nur noch das Postboot. Die drei Durchschläge verteile ich an Kameraden. Ich habe den Brief so allgemein abgefaßt, daß er für alle und an alle paßt. Dankbar werden die Durchschläge abgenommen. Zehn hätte ich davon haben sollen, so stark ist die Nachfrage. ,,Wenn schreibst du wieder?" - ,,Morgen." - ,,Dann bekomme ich einen Durchschlag." - Ja." - ,,Bestimmt?" - ,,Jawohl, ganz bestimmt!"
Eben wird unser Ruderboot klargemacht. Acht Mann steigen ein, Schwimmwesten um, und dann pullen sie los, Kurs auf das gestrandete Vorpostenboot. Sie wollen einmal sehen, wie es dort aussieht. Aufmerksam beobachten wir Zurückgebliebenen sie durch die Gläser. Unterdessen meldet sich ,,Wuppertal" noch einmal. ,,Standort Quadrat Max Toni. Bei Höchstfahrt 3 sm über Grund. Freies Fahrwasser aus Vormasthöhe nicht erkennbar." - Pech!
Auf der Brücke beobachtet man weiterhin angestrengt unsere Kameraden auf dem Wrack. Zwei Stunden sind darüber schon vergangen, aber jetzt schicken sie sich zur Rückfahrt an und legen ab. Taktmäßig schlagen die schweren Riemen ins Wasser. Da schraubt sich ein kleiner, schwedischer Küstenkreuzer schnell heran. Was will er? Schon ist er am Boot. Der Schwede geht noch dichter heran. Jetzt nimmt er wieder Fahrt auf. Weiß steht die Bugwelle vor seiner grauen Schnauze. Er hat unser Ruderboot in Schlepp genommen und steuert auf uns zu. Anständig ist das und geht schneller als Rudern. In wenigen Minuten sind sie längsseits. Wir helfen unseren Kameraden über die vereiste Bordwand heraufklettern. Der schwere Walter Grabs rutscht uns natürlich ab und plumpst in den Bach. Schnell hieven wir ihn hoch. Das Wasser ist eisig. Naß geworden ist er aber dadurch nicht. Er war es schon, wie alle anderen auch. Bei der flotten Fahrt sind sie alle durch das überkommende Wasser eingeweicht worden. Jetzt schiebt sich auch der schwedische Kreuzer heran und macht fest. Gehört unser Boot schon zu den Zwergen, so ist dieser ,,Kreuzer" noch viel kleiner, nur halb so groß wie wir, aber schmal und schnittig gebaut und fast ohne Aufbauten. Wie ein Spielzeug sieht er aus. Trotzdem möchte ich nicht in dieser Blechschachtel zur See fahren. Er ist sicher auch nur für die ruhigen und flachen Küstengewässer berechnet.
Der Kapitän ist zu uns herübergeklettert und leert mit dem Kommandanten eine Flasche Bier. ,,Nach einem deutschen Hellen habe ich schon lange ge- lechzt", erklärt er. Den schwedischen Matrosen reichen wir eine Kanne Grog hinüber. Sie wird dankbar in Empfang ge-nommen. Das sind die anständigen Schweden. Es gibt aber auch noch andere. So fällt uns besonders der schwedische Hubschrauber auf die Nerven, der öfters unsere Position anfliegt. Manchmal glaubt er auch, er muß uns Vorschriften machen und gibt durch Zeichen zu verstehen, daß wir zu nahe an der schwedischen Küste ständen. Da wir uns aber streng außerhalb der Hoheitsgewässer bewegen, beantworten wir sein Winken nur mit einem energischen Kopfschütteln. Manchmal stellt er sich mit seiner Luftschaukel auch direkt über unser Boot, als wolle er nachsehen, was es bei uns zum Mittagessen gibt. Dann fällt es uns schwer, ihn nicht mit unserer 2 cm-Flak anzukläffen, aber schließlich gewöhnt man sich auch an lästige Gesellschaft.
Beim Abendbrot lasse ich mir vom ,,Taucher", wie unser ins Wasser gefallene Wilhelm Grabs nunmehr im Volksmunde heißt, einen Bericht vom Wrack geben. Es liegt etwa 500 m vom Strand entfernt in 4 Meter Tiefe auf Grund. Die starke Schlagseite nach Land hin läßt die Backbordseite weit über das Wasser treten und erweckt von See aus den Eindruck, als läge das Boot bedeutend höher. In Wirklichkeit aber sind nur die Brücke und der FT-Raum zu betreten, und vom Oberdeck ragen nur noch die Lüfter und die Hauben der Niedergänge hervor. Alles ist über und über vereist und bildet ein trauriges Bild. Als einzige Beute brachten unsere Kameraden einen FT-Umformer mit. Alles andere war bereits abgetakelt, der Kompaß, die Funkapparate und das Geschütz. Selbst die Persenning vom Peildeck hatte schon ihre Ab¬nehmer gefunden. ,,Es tat einem in der Seele leid", erzählte Walter weiter, ,,wie das Boot so ausgeplündert und ergeben dalag, den gierigen Wellen zum Fraß freigegeben. Ich mußte dabei an meine Mutter denken. Wenn sie ein unwider-ruflich abgetragenes Jackett dem Lumpensack überantwortete, dann schnitt und trennte sie immer erst noch alles ab, was ihr einigermaßen brauchbar erschien. –
Es ist stockdunkel, als ich nach dem Abendbrot über Deck hinauf zur Brücke klettere. Man kann sich nur schrittweise und vorsichtig entlang tasten. Auf der Brücke ist reges Leben. Drei Dez steuerbord voraus hat man rote Notsignale gesehen. Jetzt steigt wieder ein roter Stern, in den nächtlichen Himmel empor, noch einer. Unser Boot geht auf Kurs und jagt mit aller Kraft dahin. Ich schalte sofort die Seenotwelle und kurbele am Empfänger. So angestrengt ich aber auch lausche, es ist nichts zu hören. Notsignale sichten wir auch keine mehr. Wir setzen einen Funkspruch ab. ,,2025 Uhr von Quadrat PT in Richtung 245° Notsignale gesichtet, laufen dahin." Das ist aber auch alles, was wir tun können. ,,Schrecklich muß jetzt der Tod in dem eisigen Wasser sein", sagt mein junger Kamerad Hans und ich hatte den gleichen Gedanken. Ertrinken ist schon schlimm, aber erfrieren und ertrinken. -

11. Januar 1940 In See
Wieviel Tage sind es denn eigentlich noch bis zum Einlaufen? Ich schätze auf etwa fünf. Wenn nur Hans bald käme, damit ich wieder einen geregelten Wachtörn gehen könnte. Tag für Tag und Nacht um Nacht allein ist wirklich zu viel. Da wird jede Stunde doppelt so lang und von der Nacht ist auch erst die Hälfte weg. 4 Uhr ist es eben. Auf der Brücke ist Wachablösung. Jakob Visser übernimmt die Brückenwache. Zackig ist seine Meldung, und das Hackenzusammenschlagen klappt wunderbar. Trotzdem weiß jeder ,,Einheimische", daß das nie echt ist, sondern daß Jakob Visser einfach mit dem Stiefelabsatz an den eisernen Kompaßfuß schlägt und dadurch dieses imitierende Geräusch und diese soldatische Fiktion erzeugt. Warum soll man nicht auch in seinen späteren Jahren die Dunkelheit einmal zu seinem Vorteil ausnützen?
Langsam, unendlich langsam kriecht der Morgen herauf. Es ist 8 Uhr vorbei, ehe es einigermaßen hell wird. Ruhig ist die See heute und fade. Ich vermisse auf See so sehr das Grün der Wiesen und Bäume. Alles ist grau, das Meer, der Himmel, das Schiff, die Sonne hinter den Wolkenfetzen und der liebe Gott auch. Das erdrückt fast.
Im Spätvormittag kommt Vorpostenboot 1305 angezottelt. Es ist also doch noch freigekommen, bringt Post mit und, was mir im Augenblick am wichtig- sten ist, auch Hans. Nun hat meine Dauerwache wenigstens ein Ende. Christlich teilen wir uns wieder in unsere FT-Sta-tion, und ich kann heute einmal zwei Arme voll Schlaf nehmen. Erst muß Hans aber noch über seinen Verbleib Rechenschaft ablegen. Er spricht von schlechten Wegverhältnissen, Zugverspätungen und Schneeverwehungen, aber er redet zu viel, um echt zu wirken. Der Franzose hat für solche Fälle sein bekanntes ,,cherchez la femme", während wir umständlich von einer Verquickung unvorhergesehener Umstände sprechen. Nun habe ich auch Zeit, nach Tisch noch ein Weilchen bei meinen Kameraden sitzen zu bleiben, nicht Iange; denn auf See hat jeder seine Funktion und seine Arbeit, und wenn wir von Wache kommen, sind wir meist so müde und abgespannt, daß wir, wie wir von unseren Stationen kommen, in die Kojen fallen und schlafen. Vier Stunden sind dazu nur Zeit, und die müssen ausgenützt werden. Ausziehen dürfen wir uns auch nicht, und wenn es erlaubt wäre, würde man es nicht tun, weil die Zeit dafür zu schade wäre.

12. Januar 1940 In See
Heute morgen hatte ich Freiwache und konnte wieder einmal meinen langentbehrten Spaziergang durchs Boot unternehmen. Auch unserem Horcher habe ich bei dieser Gelegenheit einen Besuch abgestattet. Das ist nun der jüngste Sproß unserer Kopfhörergemeinschaft. An der tiefsten Stelle im Bauch des Bootes hat er seinen Platz. Das Horchgerät (KdB) ausgefahren, den Kopfhörer auf den Ohren, sitzt er breitspurig am Peilrad. Es sieht aus, als steure er eine Limousine. Angestrengt Iauscht er dabei nach Unterwassergeräuschen. Hannes Burmeister ist es, ein Fischer von der Insel Poel und eine Seele von einem Menschen.
Ich setze mich zu ihm und lausche mit. Ein helles, klirrendes Rasseln ist zu hören, das von dem vorbeifließenden Wasser herrührt. Hin und wieder läßt sich auch das taktmäßige Mahlen einer Schiffsschraube vernehmen. Nun gilt es, dieses Geräusch einzupeilen und den genauen Standort des Schiffes zu bestimmen, das erfordert viel Übung und noch mehr Gefühl. Gilt es doch gleichzeitig herauszuhören, ob da eine Dampfmaschine oder eine Turbine im Gang ist oder ob es sich gar um das E-Motorengebrumm eines U-Bootes handelt. Hanne, so nennen wir unseren ,,Horchgucker", kann das, und man behauptet von ihn, daß er sogar ein Motorrad, das am Strand von Trelleborg entlang fährt, genau zu orten wüßte. Das geht natürlich zu weit, aber Hanne ist nun einmal eine sagenumwobene Person, und man sagt ihm noch ganz andere Dinge nach. So behauptet man z.B. von ihm und seinen Dorfleuten überhaupt, daß sie noch unentdeckt wären, auf der primitiven Stufe der Südseeinsulaner ständen und Menschen fressen würden. Das bringt dann den armen Hannes immer zur Verzweiflung und als man heute an Bord erzählte, daß die Bewohner seit Einführung der Fleischmarken wieder begonnen hätten, Missionare zu schlachten, da war er so wild geworden, daß sich den ganzen Tag über niemand mehr zu ihm hinuntertraute.
Bewegen sich all diese Angaben über Hannes Burmeister auf der Basis bisher unbestätigter Nachrichten, so sind die Gerüchte, die sich um den kleinen Matrosen ranken, durchaus verbürgt. Sie setzten ein, als sich herausstellte, daß er die Karten und Briefe, die er von zu Hause erhielt, vorgelesen be- kommen mußte, weil er sie allein nicht zu entziffern vermochte. Er zählt jetzt 18 Jahre und hat die meisten davon auf See zugebracht. Seine Heimat muß im äußersten Zipfel Ostpreußens liegen, dort etwa, wo Deutschland 1939 zu Ende ging. Genaueres läßt sich darüber nicht feststellen, da er einer präzi- sen Ortsangabe stets ausweicht, eingedenk der drei Mark, die ihm der Bürgermeister seines Heimatortes beim Abschied in weiser Voraussicht unter der Bedingung in die Hand gedrückt haben soll, daß er nie verrate, woher er sei. Zu diesem Versprechen steht er denn auch, wie ja Treue und Zuverlässigkeit besonders kleinen Leuten eigen und selbstverständlich sind.
Seine Eltern leben noch und sind fleißige Fischersleute in irgendeinem Haffwinkel. Von seinen zwei Brüdern ist der eine Pfarrer und der andere Offizier, Angaben, die nicht etwa einem dummen Geltungsbedürfnis entsprachen, sondern durch die eingehende Post bestätigt wurden. Jetzt steht er am achteren FlaGeschütz Wache, der gegebene und zuverlässigste Mann für diesen Posten.
Der Nachmittag brachte uns zunächst eine Fülle von Funksprüchen, so daß wir kaum drei Mann hoch klarkommen konnten. Die Funkspruchzettel stauten sich zu Bergen.
2030 Uhr: Eben spürten wir im Boot einen heftigen Schlag, so etwa, als wären wir mit einem anderen Boot zusammengestoßen oder ein Riese hätte mit einem großen Schmiedehammer einmal kräftig gegen die Bordwand geschlagen. Unser Ausguck meldet: ,,Weit voraus eine Minenexplosion. Wir belauschen wieder die 600 m-Seenotwelle, umsonst. Auch wir haben schon lange die Hoffnung aufgegeben, bei einem möglichen Minentreffer mit heiler Haut davon-zukommen. Bei Tage passen wir gut auf und gehen um treibende Minen herum wie um etwas, auf das man nun einmal nicht gern tritt. Nachts aber hoffen wir das Beste. Meine Schwimmweste binde ich auch nicht mehr um; denn selbst wenn man das eine Promille Aussicht auf Rettung in Rechnung setzen wollte, so würde es in dem eisigen Wasser doch sofort zunichte, und festes Eis, über das man schnell nach Trelleborg hinüberrennen könnte, gibt es nicht. Wir fragen auch nicht mehr, wie lange der Krieg noch dauert. Für uns kann er jeden Augenblick zu Ende sein.

13. Januar 1940 In See
Nachmittag: Es ist Nebel aufgekommen. Eben hing er noch in Fetzen über dem Wasser. Jetzt aber haben sich die Atemschwaden der See verdichtet. Kaum 200 m beträgt die Sicht. Wir müssen Anker werfen. Laut rasselt die Ankerwinde. Dann wird es still im Boot. Nur die notwendigen Wachen sind besetzt. Alles andere ist zum Kaffeetrinken weggetreten. Aber nur etwa zehn Minuten dauert diese köstliche Ruhe. Dann meldet Hannes Burmeister durchs Sprachrohr zur Brücke herauf: ,,Steuerbord achteraus stärker werdendes Schraubengeräusch." Die Gläser suchen die Richtung ab, aber es ist nichts zu sehen. Erst nach Minuten tauchen die verschwommenen Umrisse eines 3 000-Tonners auf. Rasch kommt er auf und will sich in etwa 100 m Abstand auf Steuerbordseite vorbeischieben. Im Nebel diese flotte Fahrt und noch dazu auf unserer Route, die wir sozusagen in Erbpacht haben, das macht uns stutzig. Die Alarmglocke gellt auf. Aus allen Niedergängen quellen die Kameraden herauf. In wenigen Augenblicken steht jeder wieder auf seinem Posten. Der fremde Dampfer beantwortet unsere Signale nicht und ist schon in gleicher Höhe mit uns. Während die Ankerwinde noch rollt, gehen wir schon auf Fahrt. ,,Einen Schuß vor den Bug, weit vorhalten!" ruft der Kommandant nach dem Geschützstand. Es kracht. Nun stoppt der Fremde. Ein Boot wird ausgesetzt und kommt zu uns herübergerudert. Die Schiffspapiere weisen ihn als Schweden aus, der mit neutraler Ladung nach einem neu- tralen Hafen unterwegs ist. Wir müssen ihn laufen lassen. Nach diesem kleinen Intermezzo ankern wir wieder. Der Nachmittagskaffee ist unterdessen kalt geworden, aber das ist nichts Neues. Kalt ist heutzutage die Normaltemperatur.

14. Januar 1940 In See
Es ist uns beinahe peinlich, dem Chef noch die Wettermeldung vorzulegen. Seit zwei Tagen wird schon Nordwest auffrischend auf acht gemeldet, werden Sturmwarnungen ausgegeben, aber die See steht Gewehr bei Fuß und rührt sich nicht von der Stelle. Hier klappt die gegenseitige Zusammenarbeit noch nicht. Wir freuen uns über das ruhige Wetter, denn dann ist das Arbeiten viel leichter und zum Schlafen kommt man auch. Uneinheitlich dagegen sind die Auswirkungen einer ruhigen See auf das Gemüt und die Stimmung. Manchmal empfindet man die Ruhe und Ausgeglichenheit der See wie eine Erlösung. Eine tiefe Befriedigung geht dann von ihr aus. Manchmal aber wirkt ihre Ruhe auch unheimlich, und dankbar begrüßt man den Sturm als eine offene und ehrliche Herausforderung und Kampfansage.

15. Januar 1940   In See
Wir haben – 15° C und endlich den erwarteten Nordwest 8. Eine Minute an Oberdeck genügt, und man ist Gefrierfleisch. Selbst durch die dicksten Mäntel beißt die Kälte. Die Brecher, die über Bord kommen, erstarren im nächsten Augenblick, und schon hat eine faustdicke Eiskruste Deck, Bordwände und Aufbauten überzogen. Alles Tauwerk ist steinhart gefroren und läßt sich nicht bewegen, soweit es überhaupt noch als solches zu erkennen ist. Selbst die dünnen Leinen und Strickleitertaue weisen auf einmal einen Umfang von Armesstärke auf. Riesig sind die Eiszapfen, die an der Brücke und den Aufbauten entstehen. Es ist ein herrliches Bild. Wenn man es nur recht genießen könnte, aber der Sturm bläst einen fast um. Dazu hat man auf dem eisigen Deck keinerlei Halt und schindert bei dem Seegang bald nach rechts, bald nach links, sofern man es nicht vorzieht, sich von vornherein gleich hinzu-setzen.
Auch die Sturmwarnung, die gegen Mittag programmgemäß wieder eintrifft, hat heute ihre volle Berechtigung. Rein toll ist die See. Gleichzeitig springt sie uns von backbord und steuerbord an. Im nächsten Augenblick aber stürmt sie wieder von vorn an. Das ganze Vorschiff ist von den Brechern zugedeckt. Das klatscht und spritzt, gurgelt und quirlt, wütet und kracht. Wie eine Katze ist das Meer, kratzend und heimtückisch, aber das läßt sich ja alles gar nicht beschreiben.
Jetzt ist die Sicht wieder einmal für einige Augenblicke frei. Wie der ganze MG-Stand am Vormast unter den Schlägen des Wassers noch nachzittert. Kein Mensch könnte sich im Ernstfall dort halten. Unten an Deck öffnet jetzt jemand das Schott vom Niedergang einen schmalen Spalt. Drei Köpfe lugen vorsichtig heraus und peilen die Lage. Wir winken ihnen von der Brücke aus zu. Wie sie sichern, wie die Infanterie, wenn sie zwischen zwei Lagen Artillerie zum Sprung ansetzt. Jetzt wagen sie es und springen heraus. Da sind die ausgespannten Strecktaue doch gut. Auch wenn man in der Not daran baumelt wie der Fisch an der Angel, etwas Halt geben sie doch. So, nun schnell weitergehangelt, ehe der nächste Brecher kommt. Ein Sprung bis zur Ankerwinde, flink das Schott zum Dom auf und hinein.
Sch-sch-klatsch! Die See paßt auch gut auf. Eine kräftige Backbordlage. Der letzte hat es nicht geschafft. Er ist zurückgesprungen. Im Niedergang sucht er noch einmal Schutz. ,,Ich komme das nächste Mal", schreit er herüber. Nach wenigen Augenblicken versucht er erneut sein Glück. Endlich ist die Ablösung vollzählig zur Stelle. ,, ... meldet sich als Rudergänger abgelöst, Kurs 120 Grad." ,,Maschinentelegraf abgelöst, Maschine läuft zweimal halbe."
Die Kameraden nehmen ihre Plätze ein. Weiter geht die Fahrt, auf und ab.
Es wird zeitig finster. Blasser wird der Strich am Horizont, und bald gehen Himmel und Wasser wieder ineinander über. Weiter brechen die Wogen, schäumen die Wellen. Hell hebt sich das Vorschiff unter der weißschäumenden Gischt aus der Finsternis der Nacht.
Wir suchen Landschutz und wollen vor Anker gehen, aber die Ankerwinde ist dermaßen vereist, daß wir sie nicht in Gang bringen können. Mit der Lötlam- pe kann man da nicht beigehen. Also Heißwasser an Deck. Eine halbe Stunde lang muß sich die Winde diese Prozedur gefallen lassen, dann erst rollt sie langsam an. Der Anker fällt. Gott sei Dank. Nein, noch nicht; denn bald merken wir, daß unser Boot treibt. Wir peilen. Es bleibt dabei. Anker auf, gün- stigeren Ankergrund suchen. Dasselbe Manöver, dieselbe Warmwasservorbehandlung und - wieder schliert der Anker. Also fahren wir lieber, hin und her, her und hin, die ganze Nacht.

16. Januar 1940   In See
Es hat sich nichts geändert, nur daß es im Osten langsam hell wird. Der neue Tag bricht an. Er hat lange auf sich warten lassen. Ob er uns nicht gleich gefunden hat? Wir machen immer noch halbe Unterwasserfahrt. Wenn wir nach Hause kommen, erhalten wir sicher das U-Bootsabzeichen. Es ist 10  Uhr geworden. Es scheint aufzuklaren. Auch der Sturm hat etwas nachgelassen, die Kälte nicht. Wir dampfen bis auf die Höhe von Trelleborg. Hier setzt Nebel ein, Sicht 150 bis 200 m, dazu Schneetreiben. Wir ankern. Nach dem zweiten Anlauf haben wir Glück. Im nahen Umkreis heben sich die Schatten weiterer Schiffe ab, die ebenfalls hier vor Anker liegen. Wir benutzen die Rast und klopfen alle Mann Eis. Schade, es sah so schön aus, stellt aber für das Boot eine zu gefährliche Belastung dar. Heute sollen wir abgelöst werden. Ob man uns bei dem Nebel auch findet?
15 Uhr: Die Sicht wird wieder besser. Wir nehmen unseren Pendelverkehr wieder auf. In den frühen Abendstunden trifft unsere Ablösung ein. Froh zuckeln wir davon. Morgen früh wollen wir in Swinemünde sein.

17. Januar 1940 In See - Swinemünde
Die Heimfahrt gestaltete sich recht schwierig; denn von Saßnitz bis Swinemünde bildete die See eine einzige, riesige Eisbarriere. Mühsam bahnten wir uns im Gänsemarsch einen Weg durch die Eismassen. Schon einen Meter hinter dem Heck schlossen sie sich wieder, dass man unsere Spur kaum noch im Eis sehen konnte. Soweit das Auge blickte, dehnte sich das grelle Weiß. Schimmernd lag der Glanz der Januarsonne darüber. Endlich gegen 11 Uhr hatten wir es geschafft und machen am Hohenzollernkai fest. Wir kamen uns vor wie heimkehrende Polarforscher.
Der erste Tag im Hafen soll nach altem Seemannsbrauch als Sonntag gelten. Mit dieser schönen Sitte hat man aber längst gebrochen. Die Maschinenwachen laufen weiter, und auch für die anderen gibt es Arbeit in Hülle und Fülle. Wir nehmen zunächst Proviant über, und anschließend geht es kohlen. Im eisigen Winde auf dem Peildeck darf ich persönlich den Kohlenkran dirigieren und zusehen, wie er mir wieder zwei Antennenisolatoren zerschlägt. Fluchen ist verboten. Es nützt auch nicht viel. Endlich gegen 21 Uhr sind wir fertig, langsam wird Ruhe im Karton. Wir brauchen sie.

Urs Heßling

#18
moin, Jürgen

wieder ein  :MG:

besonders die Beschreibung der Mühen der Seefahrt im Winter ist 1a  top

Zitat von: Seekrieg am 20 August 2011, 10:24:26
,,Ein deutsches Vorpostenboot strandete infolge Sturmes in der Höhe von Trelleborg. Die Besatzung wurde gerettet."

Dicht unter Land machen wir das Wrack des am 30. Dezember gestrandeten Vorpostenbootes aus. Es liegt horizontal mit starker Schlagseite nach Land und schaut mehr aus dem Wasser heraus als wir. Wir stellen die Lage auf der Seekarte fest. Kullagrund heißt die Untiefe.
Das war V 704 ex Claus Wisch ... "Die Besatzung wurde gerettet." war übrigens mMn im KTB der Seekriegsleitung nicht das Wichtigste  :roll: sondern "Alle Schlüsselmittel wurden geborgen bzw. vernichtet" ...

Zitat von: Seekrieg am 20 August 2011, 10:24:26
So fällt uns besonders der schwedische Hubschrauber auf die Nerven, der öfters unsere Position anfliegt. Manchmal glaubt er auch, er muß uns Vorschriften machen und gibt durch Zeichen zu verstehen, daß wir zu nahe an der schwedischen Küste ständen.
kann eigentlich nur dieser http://www.avrosys.nu/aircraft/Heli/Cierva_se-aea/CiervaSE-AEA.htm gewesen sein.

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Seekrieg

Hallo Urs,
Du bist permanent "dran". Ich danke für Deine bisherigen Hinweise. Vaters persönliche Tagebücher, während des Krieges im Geheimsachenspind sicher verwahrt, litten in der SBZ-/DDR-Zeit unter der Lagerung in der Dachboden-Zwischendecke. Dabei war auch das Bild von dem (Deinem) Hubschrauber. Irtümlich habe ich beim Einfügen der Fotos eins doppelt gemacht. Wie kann ich es wieder los werden, um ein anderes einzufügen? Hast Du eine Idee?

Danke
Jürgen


t-geronimo

Wenn Du Deinen Beitrag editierst, dann kannst Du oberhalb des Menüs zum Einfügen von Bildern bereits gezeigte wieder deaktivieren (unter "Erweitert" unterhalb des Textfeldes). :)
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

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Seekrieg

#21
I V.   G R O S S E   W E R F T L I E G E Z E I T

1.   Oderwerke Stettin

18. Januar 1940                           Swinemünde
Vormittags Rein Schiff, eine harte Arbeit. Langsam kommen unter dem Kohlenstaub wieder Schnee und Eis zum Vorschein, und an manchen Stellen entdeckt man sogar ein Stückchen vom Schiff. Ich klariere unterdessen meine Antennen, aber so verwachsen ich auch mit Draht und Litze bin, bei dieser Kälte machen die Dinge keinen Spaß. Anschließend suche ich den Arzt auf. Am 7., kurz vor dem Auslaufen, bin ich in der Morgendämmerung über eine schwere Ankerkette gestolpert und leide seit dem unter heftigen Brustschmerzen. Auf See habe ich diese körperliche Diskrepanz ignoriert und war ge- sund. Gesund sein ist in erster Linie eine Willensfunktion. Da mir aber auch jetzt noch jeder Atemzug, insbesondere aber das Husten starke Beschwerden verursacht, möchte ich die Zusammenhänge von maßgebender Seite doch etwas genauer kommentiert haben. Der Onkel Doktor untersucht mich also und stellt zusammenfassend Prellung, Bluterguß und zwei angeknackte Rippen fest. Ich soll mich schonen, rät er mir und auf mein fragendes und verwun-dertes Lächeln lautet die Antwort: ,,Soweit dies möglich ist." Möglich ist es ja kaum, aber ich freue mich trotzdem; denn 99 % der Maschinerie sind ja noch intakt.

19. Januar 1940 Swinemünde - Stettiner Haff
Unser Boot soll zur Überholung in die Werft nach Stettin. Befehlsgemäß macht es sich 0630 Uhr auf den Weg. Vorsichtig tastet es sich durch das diesige Grau der Morgendämmerung. Schon nach kurzer Zeit aber hemmt festes Eis die Fahrt. Mühsam hackt die Schraube, knirscht der Bug. Es geht nur noch langsam voran. Kurz voraus, mitten in der Fahrrinne, taucht ein dunkles Etwas auf. Den Umrissen nach muß es ein großer Vogel sein. Unser Boot schiebt sich bis auf 30 m heran. Er rührt sich nicht von der Stelle. Still hockt er auf dem Eis. Vielleicht ist er eingeschlafen. Rammen wollen wir ihn aber auch nicht. Scheinwerfer aufblenden! Grell trifft ihn der Lichtkegel. Davon wird er mun-ter. Es ist ein Seeadler, ein kräftiges Tier. Groß blickt er uns an, schlägt dann verlegen mit den Flügeln und hebt sich leise davon. Wieder ein Schiffahrtshindernis beseitigt. Endlich wird es hell. Viel ist uns damit aber nicht gedient; denn der aufkommende Frühnebel ist so stark, daß an ein Weiterfahren nicht zu denken ist. Wir halten deshalb an und läuten warnend mit der Schiffsglocke. Eine Stunde dauert das neckische Spiel. Dann endlich weicht der Nebel dem lärmenden Gebimmel. Wir setzen unsere Fahrt fort, kom¬men aber nur langsam voran. Zögernd und allmählich weitet sich das Haff. Es ist eine einzige, riesige Eisfläche. Einem Silberreier begegnen wir, und dann kreuzt noch gemächlichen Schrittes Reinecke Fuchs unsere Bahn. Ob er auf dem Eis spazieren geht oder den Wolf sucht, um mit ihm verabredetermaßen Fische zu fangen?
Zu solchen Betrachtungen ist aber jetzt keine Zeit. Im Augenblick quälen uns andere Sorgen. Wir kommen nicht mehr vom Fleck. In den letzten zwei Stunden betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit 0,7 sm, das sind ganze 1 300 m in der Stunde. Es geht wie bei einer mittelalterlichen Wallfahrt, zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Mit Elan nehmen wir Anlauf. Polternd bersten unter dem scharfen Steven die Schollen. Sie weichen aber nicht, sondern richten sich steil auf. Senkrecht stehen die starken Eistafeln vor dem Bug und hemmen den Lauf des Schiffes. Immer langsamer wird die Fahrt, immer qualvoller der Schraubenstrudel, und dann stehen wir. Neuer Anlauf, äußerste Kraft zurück, äußerste Kraft voraus. Vielleicht sind wir dann zehn Meter weiter gekommen. So geht es nun schon den ganzen Vormittag.
Voraus tauchen drei Schiffe auf. Sie scheinen auch nicht weiter zukommen. Langsam nähern wir uns. Der erste Dampfer ist ein Schwede, etwa dreimal so groß wie wir. Dicht zwängen wir uns an ihm vorbei. Seine Besatzung hat den Kampf mit dem Eis aufgegeben, steht an Deck und schaut zu, wie wir uns mühsam abquälen. Vorige Woche sind sie in Malmö ausgelaufen und seit Sonntag, den 15., sitzen sie hier schon fest. Ob wir Brot übrig hätten, fragen sie. Wir reichen ihnen 29 Stück hinüber. Von den anderen beiden Schiffen ist ein Teil der Mannschaft ausgestiegen und geht auf dem Eis spazieren. Soweit wollen wir es nicht kommen lassen, mit Volldampf rucken wir deshalb wieder an, vorwärts, rückwärts. Das Eis ist jetzt bis zu einem halben Meter stark. Die Heizer vor den Kesseln sind schweißgebadet. Sie können es kaum noch schaffen und sind vollkommen aufgebraucht. Wir fahren ständig äußerste Kraft und haben außerdem das Eisventil angestellt. 1400 Uhr. Von den drei Schiffen, denen wir heute mittag begegneten, sind wir kaum ab- gekommen. Tausend Meter vor uns liegen vier weitere im Eis fest. Auch sie kommen nicht weiter, obgleich ihre dicken Rauchwolken verraten, daß sie sich noch nicht geschlagen bekennen. 1430 Uhr. Jetzt haben wir es auch geschafft und sitzen rettungslos im Haffeis fest. Eine halbe Stunde läuft die Maschine schon wieder auf Hochtouren vor- und rückwärts, aber unser Boot rührt sich nicht mehr von der Stelle. Wir versuchen ein Alle-Mann-Manöver. Der Kommandant läßt die gesamte Freiwache an Oberdeck antreten und in gleichmäßigen Intervallen von backbord nach steuerbord hüpfen und wieder zurück, aber der Kahn rührt sich nicht. Der leitende Maschinist schleppt die schwerste Pokerstange herbei und stößt damit an der Bordwand hinab ins Eis. Zweckloses Unterfangen! Was 780 PS nicht vermögen, das kann eine kleine Menschenkraft erst recht nicht erreichen, aber in solch temperaturextremen Situationen leidet man unter den verwegensten Ideen.
Alwin Kalauch stellt unterdessen eine Fußballmannschaft auf. Er will aufs Eis hinaus und sich austummeln. Ein kleiner Fender wird als Ball herhalten müs- sen. Ich aber mache meinen Sender klar, werde Hilfe herbeirufen müssen. Da taucht im letzten Augenblick weit voraus eine niedliche Rauchwolke auf, die sich langsam nähert. Die Kameraden auf der Brücke zücken die Ferngläser und machen einen Eisbrecher aus. Er kommt wie gerufen. Nach einer knappen Stunde ist er heran. Jetzt patscht er um uns herum und versucht uns loszueisen. Wie er das nur fertig bringt. Er ist doch viel kleiner als wir, aber gelernt ist eben gelernt. Nun gehen auch wir wieder mit AK an die Arbeit, aber die Schraubenwelle springt im Lager herum, als hätte sie einen genommen. Die Maschine läuft heiß. Die Maschinisten sprechen von einem ,,Brandenburger". Nun müssen die Lager ausgewechselt werden. Schöne ,,Bleisoldaten" haben sich darin festgesetzt. Es ist ein hartes Stück Arbeit, aber in einer Stunde haben es die Kameraden geschafft. Die Maschine ist klar. Wir knirschen wieder durchs Eis. Inzwischen ist noch ein zweiter Eisbrecher angelangt. Er greift uns hilfreich unter die Arme. Unter seiner Assistenz arbeiten wir uns an die vier Schiffe vor uns heran und schieben uns stolz am größten vorbei. Er mag seine 9 000 t haben. Hoch über uns lehnen sich ein paar Leute über die Reling und schauen spöttisch auf uns herab. ,,Bleibt mal hier!" ruft einer, ,,wenn wir es mit unseren viereinhalbtausend Pferdestärken nicht schaffen, dann bringt ihr es erst recht nicht." Abwarten, vorläufig kommt unser Boot noch voran, nein, doch nicht. Der Spötter scheint recht zu behalten. Nach 50 m sitzen wir wieder fest, unser Vorsprung aber hat dem großen Bremerhavener keine Ruhe gelassen, und in dem von uns gelockerten Eis stapft er uns hinterher. Will er uns nun ärgern oder hat er das Steuer nicht mehr in der Gewalt? Der Riese kommt direkt auf uns zu. Die Alarmglocke ertönt. Alles stürzt an Deck. lmmer dichter schiebt sich der große Kasten heran. In 50 cm Abstand zwängt er sich an uns vorbei.
Wir halten sämtliche verfügbaren Fender außenbords. Seine überragenden und ausladenden Bordwände kratzen an Brücke und Aufbauten. Wenn er will, kann er uns jetzt wie eine Reblaus zerquetschen. Das starre Eis ermöglicht kein Ausweichen. Die Signalgasten auf dem Peildeck haben sich schon auf Backbordseite in Sicherheit gebracht. Jetzt! - Nein, es geht noch einmal alles klar. Schon fahren auch wir wieder. Ja, es gelingt uns sogar den großen Dampfer wieder zu überholen und uns an die Spitze zu setzen. In so einem kleinen, unscheinbaren Vorpostenboot steckt doch mehr, als man im ersten Augenblick erkennen kann.
So fahren, rutschen und schindern wir weiter. Es ist gleich, wie man es nennt. Unablässig dröhnt die Bordwand vom Bersten und Rollen der Eisschollen wieder, aber in der von den Eisbrechern aufgelockerten Fahrrinne geht es jetzt fast ohne Stockung voran, allerdings nur mit 2,1 sm Fahrt, wie Ober- steuermann Visier beruhigend feststellt. Immer weiter bleibt die Konkurrenz zurück. Längst ist es dunkel geworden. Der Mond ist aufgegangen, aber noch immer schweift das Auge nur über Schnee und Eis, über die weite, weißschimmernde Ebene des Stettiner Haffs.

20. Januar 1940 Stettin
Es war 1 Uhr nachts, als wir endlich in den Oderwerken anlegten. 18 Stunden hat diesmal unsere Fahrt durchs Haff gedauert statt wie gewöhnlich drei.
Über Nacht ist Schnee gefallen. Fein säuberlich hat er unser Schifflein zugedeckt. Über das Eis, das uns wieder eng umschlungen hält, trippeln ent- täuscht und frierend ein paar Möwen. Manchmal kommen sie ganz nahe heran, um zu sehen, ob wir ihnen etwas mitgebracht haben. Sonst aber ist alles recht still und friedlich. Ich glaube, wir sind hier gut aufgehoben.

21. Januar 1940   Stettin
Heute morgen kamen die ersten Arbeiter, um zu sondieren, was bei uns alles baufällig ist. Sie freuen sich, daß wir da sind, ohne uns hätten sie nächste Woche keine Arbeit mehr gehabt, denn bei den augenblicklichen Eisverhältnissen läuft kaum noch ein Schiff ein. Wir selbst leben einen ruhigen Tag. Jetzt treibt uns nicht mehr das laufende Band der Wachen, jetzt hetzen uns keine FT.-Leitnummern. Vorläufig ist es aber noch nicht so weit, und augenblick- lich habe ich außerdem ein anderes und wichtigeres Problem zu lösen. Hans will nämlich heiraten. Warum auch nicht? ,,Nur jetzt so mitten im Kriege, ist das nicht ein bißchen gewagt?"  frage ich ihn. ,,Ratsamer wäre es doch zu warten, bis wieder Frieden ist und geregelte Verhältnisse herrschen." Aber davon will Hans nichts wissen. Kurz und lakonisch antwortet er: ,,Bist du nun so dumm oder stellst du dich nur so? Glaubst du, der Krieg ist in zwei Monaten zu Ende?" - ,,Nein, so groß ist mein Optimismus nun auch wieder nicht." - ,,Na also, dann wird auch Hochzeit gemacht. 7/9 bin ich ja sowieso schon verheiratet." Dann allerdings. Aber so ist es. Da heißt es, man kauft die Katze nicht im Sack und die Braut nicht im Schlüpfer, und dann wird gelotet und schon ist man auf dem Grund. Frauen sind ein sehr flaches Fahrwasser.
So setzen wir denn zunächst eine Verhandlung darüber auf, daß der großdeutsche Funkmaat H.H. mit dem Fräulein so und so die Ehe einzugehen beab- sichtigt und um den Segen der Kriegsmarine bittet. Das geht uns flott von der Hand; denn der Tatbestand ist gegeben, das Korpus delicti unterwegs und der Täter geständig. So braucht der ganze Tatbestand nur noch in wenige Worte gekleidet zu werden. Wesentlich schwieriger gestaltet sich dagegen die Befriedigung des dazugehörigen Fragebogens, der den Nachweis über 1 500 M Eigenkapital erbringen, die Liebe finanziell fundamentieren und eine stan- desgemäße Ehe garantieren soll. Hier müssen Zahlen sprechen, genau umrissene Werte, faßbare Größen. Als erstes und nicht wegzuleugnendes Positivum setzen wir die 600 M Ehestandsdarlehn ein und als zweites Möbel im Werte von 500 M, das Geschenk des angehenden Schwiegervaters. Dann steuert Hans als persönliches Eigentum den Rest aus der letzten Wehrsoldzahlung in Höhe von nochmals 17 M bei. Mithin fehlt uns nur noch ein Differenzbetrag von 383 M. Aber auch dieses Defizit findet nach einigem Nachdenken bald seine Deckung durch die Wäscheaussteuer der Braut. Hilde hat natürlich viel mehr, aber was geht die Kriegsmarine an, was man alles noch in der Hinterhand hält. Über dieser Rechnerei vergeht der Nachmittag. Uns wird noch wohler und wir beschließen diesen geglückten mathematischen Start von Hansens Ehe mit einem großen Kuchengelage zu feiern. Appetit auf etwas Süßes haben wir ja schon seit Trelleborg. Ein kleines Café ist bald gefunden. Gleich am Büffet suchen wir uns unseren Kuchen aus.  ,,AIso Fräulein, ein Stückchen Schokoladenkuchen, ein Stückchen Mandel, einmal von dem da und...." ,,Meine Herren, wir geben jeweils immer nur zwei Stück ab." Hans schaut mich verdutzt an und ich blicke auch erst einmal glatt und verwendt. Der Krieg scheint doch ernstere Formen anzunehmen. ,,Nun, dann geben sie uns bitte jeweils nur zwo Stück und sagen uns, wo sich die nächste Konditorei befindet."

23. Januar 1940   Stettin
Die Arbeit am Boot ist im vollen Gange. Der Werftbetrieb hat eingesetzt. Werft heißt die Fabrik wohl deshalb, weil man hier alles aus dem Boot heraus- wirft. Da wird von früh bis abends geschleppt und gekrant, gehämmert und gepocht. Was abzuschrauben geht, wird abmontiert, und was sich weigert, wird herausgeschweißt. Heute morgen hat man uns auch noch eingedockt. Es war ein schweres Stück Arbeit bei dem Eis. Nun doktern die Werftleute am Bauch unseres Schiffes herum. Das Horchgerät ist verbogen und muß wieder ausgedengelt werden. Ein Leck hat man auch festgestellt. Im Maschinenraum fallen unterdessen Kessel und Räder auseinander. Es ist ein Drüber und Drunter, wie in den Tagen der Schöpfung. Chaotisch gehen die Dinge ineinander über. AIle Grenzen sind verwischt, die Konturen verschwommen. Haltlos hängt man im Raum. Man fühlt sich nicht mehr wohl.
In einer stillen Stunde habe ich aus Langeweile einmal alle Schalter und Knöpfe gezählt, an denen ich im Laufe des Tages drehen kann. Das Ergebnis sah so aus:
            Schalter und Knöpfe,      dazu Voltmeter
am Empfänger         14               2
am Sender            10            3   
am Peiler            19            3   
am Rundfunkapparat          6   
für Beleuchtung             3   
Summa summarum            52 Schalter und Knöpfe, 8 am Voltmeter und - 5 Kontrollampen.

25. Januar 1940   Stettin
Heute waren wir im Kino. Die neue Wochenschau brachte auch Bilder vom vereisten Haff. man schaut zu, wie sich die Schiffe durchs Eis quälen. Was sie veranschaulichen, das ist ein kleiner Ausschnitt aus den Wahrnehmungen, die Auge und Ohr vermitteln. Das Erleben selbst setzt sich aber aus viel mehr Komponenten zusammen. Wer spürt hier im warmen Saal die eisige Kalte, die rote Nase und den heiseren Husten? Wer fühlt in den weichen Sesseln das harte Schlagen und Poltern des Schiffes? Wo atmet man hier den Ölgestank der Maschine, den Dunst der feuchten Bord-wände, den trockenen Staub der Bunker? Niemand denkt an die schwere Arbeit vor den Kesseln und die heißgelaufenen Lager und an die Zigarren, die von der Brücke her durchs Sprachrohr in den Maschinenraum purzeln und stillen, würgenden Verdruß bereiten. All diese Empfindungen aber ergeben in ihrer Gesamtheit erst ein ungefähres Bild von dem, was man eine Fahrt durch das winterliche Haff nennt.

2.   Werfttage

1. Februar 1940   Stettin
Heute nacht um 2 Uhr hin ich wieder in Stettin eingetroffen, aber schon die Morgenvisite durchs Boot belehrt mich, daß ich zu früh gekommen hin und alles noch beim Alten ist. Man hämmert und klopft, baut zusammen, reißt auseinander, ändert um, baut wieder zusammen, kurz: Man beschäftigt sich, und niemand weiß, wie lange das noch dauern kann.

3. Februar 1940  Stettin
Und wieder ist es Abend. An Bord herrscht Geruhsamkeit. Wer an Land wollte, ist längst fort, und die Stubenhocker haben sich im warmen Deck zu einem ausgedehnten Abendschoppen versammelt. Wohlig glüht der gute Dobbelmann in der heißen Tabakspfeife und von der Back lacht die dickbauchige Rumbuttel. Neben mir sitzt Franz Pellin, unser Koch, augenblicklich noch ganz nüchtern. Zur Linken hockt Maschinenmaat Damser, die ,,Stinkende Socke" genannt, und gegenüber haben sich, die Mütze weit in den Nacken geschoben, der alte Obersteuermann Visser niedergelassen und der junge Artur Rohleder, ein Handelsschiffsmatrose, der so gern von den wilden Wogen des Biscaya erzählt und von Venedigs heimlichen Freuden. Es sind Seeleute, Kameraden und seelisch gesunde Menschen.
Seelisch gesunde Menschen erkennt man daran, daß sie die glückliche Eigenart besitzen, alles Unangenehme zu vergessen und sich nur des Schönen und Guten zu erinnern. Sie vergessen sogar die gräßlichen Minuten im Marterstuhl des Zahnarztes, aber von den geschmeidigen Samtpfötchen seiner Sprech-stundenhilfe, die ihnen dabei den Kopf hielt, schwärmen sie noch nach Jahren. So schaffen sie sich eine glückliche Vergangenheit, eine Ebene voll Son- nenschein und stufen sich außerdem in eine Kategorie von Menschen ein, die überall gern gesehen und gelitten ist. Unter solchen Menschen sitze ich gern. Sie erzählen von ihren ausgedehnten Fahrten und vom Fischfang in den nördlichen Gewässern. Ich höre zu. ,,Groß war oft die Beute", berichtet Franz, verschränkt dabei seine nackten Arme auf der weißen Küchenschürze und läßt die tätowierte Bildergalerie von Ankern und verschlungenen Herzen auf seinen Muskeln spielen. ,,Wenn wir die richtigen Jagdgründe gefunden hatten, quirlten wir oft mit 150 Booten in einem kleinen Gebiet von nur wenigen Quadratkilometern Ausdehnung herum. Einmal brachten wir dabei in nur drei Monaten für 150 000 M Fisch heim." ,,Da hast du gut verdient". "Na, und dann hatte ich ja noch das Essen und alles andere frei, und damals gab es andere Schläge zu stauen als heute.  Schlecht war es allerdings in den ersten Jahren nach dem Weltkrieg, als noch alles mit Minen verseucht war. Da sind viele von unseren Booten verloren gegangen, so einmal bei einem Seetörn allein 34. Manchmal hatten wir diese Teufelskugeln auch in unseren Netzen. Die konnten wir dann natürlich gleich wegwerfen, und das war auch wieder ein Schaden." ,,Ja, so war es in all den Jahren", pflichtet ihm die ,,Stinkende Socke" bei. Nun sind wir inzwischen Soldaten geworden und fahren wieder zur See."
,,Nichts Neues, haben wir im Weltkrieg schon gemacht", fällt Jakob Visser ein und erzählt nun von seinen Erlebnissen, und Jakob hat viel erlebt. ,,Nur schade", fährt er fort, ,,daß sie uns damals geschnappt haben und ich als Kriegsgefangener drei Jahre in Südamerika hinter Stacheldraht zubringen mußte. Aber diesmal werde ich besser aufpassen."
So berichtet einer nach dem anderen, und aus all ihren Worten klingt immer wieder die Sehnsucht nach dem Meer. Seeleute leiden ja alle unter derselben Krankheit. Wenn sie nicht in ihrem Element sind, fühlen sie sich nicht wohl. ,,Ganz waschechte Seeleute seid ihr aber trotzdem nicht", halte ich ihnen vor. ,,Ihr wollt immer hinaus. Wenn ihr aber draußen auf See seid, dann wollt ihr wieder durchaus an Land und malt euch schon mit brennenden Farben aus, was ihr alles anstellen wollt. Seid ihr endlich im Hafen, so schreit ihr nach zwei Tagen bereits wieder! ,,Wann laufen wir aus?" Ich finde das komisch."
,,So ist es nun auch nicht", entgegnet Franz. ,,Schau einmal an, du mußt da ganz anders rechnen. In den zwei Tagen an Land schlafen wir nämlich nicht. Infolgedessen entsprechen diese zwei schon einem Zeitraum von vier Tagen. Außerdem sind wir dann meist duhn und sehen und erleben alles doppelt. So werden aus diesen vier Tagen schon acht, und nach acht Tagen ist der Wunsch wieder zu fahren, schon begreiflich. Stimmt´s oder habe ich recht?" Zwei, vier, acht Tage. Ich zähle an den Fingern nach. ,,Wenn ihr in Potenzen denkt, dann allerdings!"
Es ist in der vierten Stunde, als wir die Sitzung aufheben und schlafen gehen. Da wird die Nummer Eins ihre liebe Not haben, wenn sie uns morgen früh wieder auf die Beine stellen will.

4. Februar 1940   Stettin
Der harte Winter hat unsere Flottille in alle Winde verweht. Wir und Vorpostenboot 1306 liegen hier in Stettin in der Werft. Drei Boote sind in Swine-münde, eins liegt in Kiel und drei stecken vor Saßnitz im Eis fest. Wir können zusammen nicht kommen, das Eis ist viel zu stark. So hat jedes seinen eigenen Törn und lebt seine individuellen Interessen, und das ist auch einmal schön.

5. Februar 1940   Stettin
Wir haben neuen Ersatz bekommen, ganz junge Soldaten, richtige Milchgesichter noch, schlohweiß und ohne jeden Anflug von Bart, aber mit gut entwickelter Kau- und Sprechmuskulatur. ,,Kommt ihr von der Arbeitsfront, weil ihr alle solche Zahnräder auf den Ärmeln tragt?" fragen wir sie. ,,Nein, von Kiel." ,,So, von Kiel. Na, da stellt euch gleich einmal beim Flo-Ing vor." ,,Flo-Ing? Was ist das?" ,,Nun, der Flottilleningenieur. Er wohnt achtern, den Nie- dergang runter. Er ist leicht zu erkennen, hat als Rangabzeichen zwei gekreuzte Schmierkannen auf dem Arm." ,,Gibt's denn das?" ,,Ja, an Bord sind die Laufbahnabzeichen etwas anders." Nun gehen sie und suchen den Flo-Ing mit den beiden gekreuzten Schmierkannen. Ich glaube, mit denen werden wir noch manchen Spaß erleben.

6. Februar 1940  Stettin
Großmutter sagte immer: ,,Abends Juchhe und morgens Oh weh." Und das stimmt auch. Seit dem Aufstehen klagt Hans wieder über heftige Kopf- schmerzen. In keine Mütze paßt sein Poller mehr. Er läuft herum wie ein abgebrochener Riese. Alwin wieder hat solchen Durst, daß er zehn Flaschen Sprudel um sich versammelt hat und eine nach der anderen lenzen muß. Aber das ist alles nicht so schlimm. Mittags wird es schon besser sein und abends sind die seelischen Verfallserscheinungen verschwunden. Dann ist jeder wieder kerngesund und munter und kann aufs Neue an Land ,,schießen". Es ist alles Gewöhnung!

7. Februar 1940   Stettin
Jetzt läuft auch hier in Stettin der Film ,,Paradies der Junggesellen", und an allen Ecken und Kanten hört man den Kehrreim ,,Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern." Aber nicht genug damit. Auch der Postbüttel betet das Verschen her, wenn er mit leerer Tasche kommt. Der Bahnhofs-offizier beruft sich darauf, wenn er die Schnellzugsgenehmigung zum Urlaubsschein verweigert, und selbst der Zahnarzt verlangt Erschütterungsfreiheit, wenn er mit seiner Bohrmaschine auf dem nackten Nerv quirlt, und dabei sind das doch Dinge, die schon an den Grundfesten von Leib und Seele rütteln. Auch der Krieg gehört mit dazu, aber das hat sich noch nicht überall herumgesprochen.

3. Swinemünde

8. Februar 1940 Stettiner Haff
Also doch! 0800 Uhr seeklar. Auslaufen nach Swinemünde. Wenn das mal gut geht. Die beiden Eisbrecher ,,Berlin" - 300 t, 800 PS - und ,,Stettin" - 280 t, 700 PS - stehen uns zur Verfügung. Sie hängen sich an unser Boot und wollen es von der Pier wegzerren. Es rührt sich nicht. Es hat genau so wenig Lust wie wir. Ein neuer Anlauf. Es muß. Langsam fügt es sich der Übermacht und mit Gekrach und Gepolter geht es langsam vorwärts. Auch Stecken-bleiben gibt es wieder, aber unsere dienstbaren Geister machen uns immer wieder flott. Gegen Abend haben wir die Hälfte unseres Weges durchs Haff hinter uns. Das genügt für heute. Jetzt geht es erst einmal in die Waagerechte. Morgen ist auch noch ein Tag.

9. Februar 1940   Swinemünde
Ho ruck! Ho ruck! Wir fahren wieder. Aber es wird noch einmal Abend, ehe wir es vollends geschafft haben. Als fünftes Boot reihen wir uns in das Päck- chen unserer Flottille ein und sind wieder dort, wo wir normalerweise hingehören. Wir liegen noch nicht richtig fest, und schon beginnt die Kletterei von einem Boot zum ändern. Die Kameraden haben sich so lange nicht gesehen, und jeder hat doch auf jedem Boot einen oder mehrere Kumpane, auf die er besondere große Stücke hält und die er jetzt schnellstens einmal besuchen muß. Darüber aber wird es wieder Nacht, bzw. Morgen.

10. Februar 1940 Swinemünde
Wir liegen in Bereitschaft und sollen wieder auf Position. Der Wetterbericht und die Eisverhältnisse sind indessen so ungünstig, daß an ein Auslaufen vorläufig nicht zu denken ist. Sogar der Hafen ist gänzlich vereist, und der Schiffsverkehr ruht fast vollständig. Nur ganz selten zwängt sich einmal ein Eisbrecher aus alter Gewohnheit die Fahrrinne entlang. Sonst aber ist alles still und erstarrt. Das einzig Bewegliche befindet sich im Leuchtturm. Abend für Abend und Nacht für Nacht schickt er seine leuchtenden Strahlenbündel in die Runde. Alles andere aber hat der Winter in Fesseln gelegt. Zeit und Leben stehen still.

11. Februar 1940 Swinemünde
,,Kernfest und auf die Dauer", so heißt es im Lied vom Winter, und dieses Jahr trifft es auch zu. Zwar werden die Tage schon länger und lichter, aber die linden Lüfte sind noch nicht erwacht, und das Thermometer zeigt mit seltener Beharrlichkeit täglich seine 14, 16 und auch 18° Kälte an. Der Hafen ist wie ausgestorben. lmmer seltener frißt sich ein dickköpfiger Eisbrecher durch die zähen Eismassen. Auf unseren Booten ist das Leben auch ausgestorben. Eingefroren und starr liegen sie an der Pier, fünf Boote, eng aneinandergeschmiegt, als wollten sie sich gegenseitig wärmen. Zwei dicke Heizschläuche verbinden uns mit dem Heizkanal an Land und ziehen sich quer über die Boote. Sie bilden eine herrliche Gelegenheit, nachts darüber zu stolpern und Hals und Beine zu brechen, aber es geht ja kaum noch jemand an Land. Die Kälte hemmt die Lebensgeister und Swinemünde auch. In Swinemünde bleibt doch immer alles nur Wunsch, Erfüllung ist Stettin. So hocken wir denn lieber im Boot, selbst auf die Gefahr hin, daß wir dabei einrosten. Aber so groß ist die Gefahr auch nicht. Jeder Tag hat seine Forderungen und stellt seine Aufgaben. Man geht seine Wache und nebenbei fallen immer noch Reparaturen an. Wenn man will, ist immer etwas entzwei. Dann müssen der SOS-Raum und die Pumpen aufgetaut werden. Man möchte Schnee schippen, das Deck fegen und Sand streuen. Dafür sind dann die Abende umso angenehmer, wenn man im warmen Deck um die Back hockt und draußen das Eis vor Kälte knackt und stöhnt. Und jeden Abend werden die Sitzungen länger und anstrengender. Man glaubt gar nicht, wie weit man Zeit und Menschen ausdehnen kann.

13. Februar 1940   Swinemünde
Eine Sehenswürdigkeit ist in diesen Tagen die Swinemünder Hafenmole. Sie ist zu einem riesigen Schnee- und Eiswall geworden und lockt uns schon lange. Heute nachmittag statten wir ihr einen Besuch ab. Dabei brechen wir oft bis zur Hüfte in den hohen Schneewehen ein. Dann wieder robben wir auf allen Vieren auf dem vom Sturm blankgefegten Eisbrocken entlang. Es ist fast so romantisch wie am Nordpol. Trotzdem sind wir froh, als wir endlich die äußerste Molenspitze erreicht und unter Schneehöhlen den Eingang zum Bunker gefunden haben, in dem eine Handvoll Flaksoldaten an ihrer Kugelspritze Wache halten. Sie freuen sich über den seltenen Besuch und über die willkommene Abwechslung. Beobachtungen und Erinnerungen werden ausge-tauscht. Darüber vergeht die Zeit und erst in der Finsternis tasten wir uns wieder zurück in die wohlige Wärme unseres Bootes. Ich möchte kein Flak- soldat sein. Die Flaksoldaten wieder wollen nichts von Schiff und Wasser wissen. So hat jeder seinen eigenen Schwarm.

14. Februar 1940   Swinemünde
Nun sitzen wir hier und warten auf den Frühling, auf vernünftiges Wetter und eisfreies Wasser. Warten zehrt; denn es lebt sich schlecht von einer mageren Gegenwart und von Tagen und Wochen, die gleichsam stille stehen. So leben wir denn viel von Erinnerungen oder nehmen Anleihen bei der Zukunft, aber auch das sind Dinge, die sich mit der Zeit aufbrauchen.

15. Februar 1940   Swinemünde
Unser Rudergänger, Matrose II Artur Rohder hat sich einen Bandwurm zugelegt. Der Bandwurm ist ein liebes, zahmes Haustier. Wer kann, soll sich einen anschaffen. Er macht sich immer nützlich und bezahlt. Man kann die größten Schläge stauen und wird nie dick. Darüber hinaus hilft er einem gern in kritischen Lebenslagen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wurde Artur Rohleder ins Lazarett überwiesen. Dies aber ließ wieder unseren Kameraden ohne nähere Herkunftsbezeichnung, - wir nennen ihn nach dem bekannten Lied ,,Nie sollst du mich befragen", nur noch ,,Tannhäuser", nicht ruhen. Im Handumdrehen besaß auch er ein solches Tier, bzw. wollte es besitzen. Da es aber sehr verschämt, scheu und zurückhaltend war, konnten es die Ärzte auch nach dreitägiger Kur nicht zu Gesicht bekommen und keine positive Diagnose stellen.
Umgekehrt aber genügte diese kurze Spanne Zeit unserem Patienten ,,Tannhäuser" vollauf; denn er hatte sich in diesen wenigen Tagen durch allerhand Hilfeleistungen wie Öfen anheizen, fegen und verschiedene andere Handreichungen im wirtschaftlichen Sektor dieses medizinischen Betriebes als so tüchtig erwiesen, daß das Lazarett nicht mehr auf die tatkräftige und umsichtige Hilfe dieses jungen Intellektuellen verzichten konnte und wollte. Es forderte ihn bei der 13. Vorpostenflottille an. So wurde er über Nacht zum Assistenten des heiligen Äskulap. Wir aber wurden unseres interessantesten Mannes beraubt. Daran änderte auch die verspätete Warnung unseres Eins WOs, daß die Nachahmung und Imitierung von Bandwürmern strafrechtlich verfolgt wird, nicht das geringste. Es gibt eben auch bei der Kriegsmarine noch Männer, die gewohnt sind, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und die ein neues und besseres Kommando zur Not auch mit Hilfe eines Bandwurms zu erzwingen wissen. Und das sollen nicht die Dümmsten sein!

16. Februar 1940   Swinemünde
Die Schönheit der Winterlandschaft und der Zauber des vereisten Meeres lockten uns wieder hinaus. Wir nahmen Kurs auf die See, kletterten über die verschneite Düne hinweg und über die von der Brandung aufgetürmten riesigen Eistafeln und -blöcke. Nach Überwindung dieser winterlichen Höhenzüge ging es dann auf spiegelglatter Eisfläche hinaus auf die See. See ist dabei allerdings nicht ganz der richtige Ausdruck; denn wir waren bereits eine halbe Stunde gelaufen, aber noch immer erblickte das Auge, so weit es auch suchend in die Runde schweifte, nichts anderes als riesige Flächen starren, weißen Eises. Man hatte den Eindruck, als könne man über die ganze Ostsee bis nach Schweden hinüberlaufen. Auch der Wetter¬bericht meldet von überallher das gleiche Bild.
Zum ersten Male seit Jahren ist auch der Große Belt zwischen Seeland und Fünen wieder einmal zugefroren. Inmitten dieser schneeigen Weite und der erdrückenden Einsamkeit überkam uns bald ein Gefühl des Unbehagens. Ein leises Grauen vor dem Alleinsein auf dem weiten Eisfeld kroch in uns hoch. Wir wendeten deshalb und suchten wieder das feste und sichere Ufer auf. Eis ist immer ein trügerischer Aggregatzustand. Immerhin wird er noch einige Zeit anhalten, und an ein Auslaufen ist vorerst nicht zu denken.

17. Februar 1940 Swinemünde - Stettin
Die Erkenntnis, daß die Eisverhältnisse z. Z. ein Auslaufen nicht gestatten, hat sich mittlerweile auch in der Flottillenführung durchgesetzt, und um die Zeit nicht ganz nutzlos zu vertun, hat man uns noch einmal eine längere Werftliegezeit zugebilligt. Wir wenden deshalb unsere Boote und fahren, von fünf Eisbrechern eskortiert, wieder nach Stettin zurück. Von 10 bis 18 Uhr dauert die Fahrt. Die Freude, wieder in Stettin zu sein, ist groß. Leider gießt uns der Kommandant im anschließenden Appell viel Wasser in den Wein unserer Begeisterung. Es gibt keinerlei Urlaub, und die Stimmung sinkt noch einmal um einige Grad, als wir erfahren, daß es sich dabei um eine Spezialbeschränkung für unser Boot handelt. In frommer Eintracht dazu steht die vom Stand- ort neuerdings verfügte Urlaubsreglung. Danach ist der Zapfenstreich auf 22 Uhr festgesetzt worden, für Unteroffiziere und Soldaten über 30 Jahre auf 24 Uhr. Die Gaststätten sind auch nur noch von 18 bis 22 Uhr geöffnet.
Mit dieser Beschneidung der Freizeit und der Einschränkung der Freuden sind wir gar nicht einverstanden, und es sind Verhandlungen im Gange, die zu- mindest für Frontkommandos einen längeren Standorturlaub erwirken wollen. Besonders der Kommandant des Vp.Bootes 1302 will in dieser Sache schärf- sten Protest einlegen und notfalls ebenda mit seiner Mannschaft dienstlich an Land gehen, und dem Dienst sind ja bekanntermaßen zeitlich keinerlei Grenzen gesetzt. Ich halte diesem Protest auch für berechtigt; denn draußen auf See schickt uns auch kein Mensch um 22 Uhr ins Körbchen, und ausschlafen können wir, wenn einmal so oder so, alles vorüber ist.

RonnyM

...das liest sich wirklich gut - bei 30° im Schatten  :-D

Nur schade, dass das Copyright immer middemang im Bild ist :|

Grüße Ronny
...keen Tähn im Muul,
over La Paloma fleuten...

Albatros

Wieder sehr informativ geschildert........ top

Zitat von: Seekrieg am 26 August 2011, 14:33:35Der erste Dampfer ist ein Schwede, etwa dreimal so groß wie wir. Dicht zwängen wir uns an ihm vorbei. Seine Besatzung hat den Kampf mit dem Eis aufgegeben, steht an Deck und schaut zu, wie wir uns mühsam abquälen. Vorige Woche sind sie in Malmö ausgelaufen und seit Sonntag, den 15., sitzen sie hier schon fest. Ob wir Brot übrig hätten, fragen sie. Wir reichen ihnen 29 Stück hinüber.

Mal eine Frage, bis wann im WKII haben schwedische Schiffe denn deutsche Häfen zum Handel treiben angelaufen ?

:MG:

Manfred

Seekrieg

Hallo,
mit Schweden hatte das D. Reich ja keine Probleme. Ich kann nur vermuten, daß die Güter wegen der Gefahren nur noch mit deutschen Frachtern  transportiert wurden. Im Tagebuch ist dazu nichts weiter vermerkt
J.

TD

#25
zu Schweden....

Bis Ende 1944 liefen die Beziehungen Schweden ./.Deutschland ganz normal ( das genaue Datum habe ich zuhause) dann erließ die schwedische Regierung an einen Nachmittag u.a. das Ausfuhrverbot für die vielen deutschen Handelsschiffsbauten in Schweden. Der Handel mit bestimmten Waren wurde zwar verboten und deutsche Schiffsbesatzungen durften z.B. in schwedischen Häfen nicht mehr von Bord.
Die immer gefährlicher werdenen Besuche deutscher Gewässer erhöhte die schwedische Kriegsversicherug dermassen das fast alle Fahrten für die schwedischen Reeder total unrentabel wurden und somit der Handelsverkehr schon so zum erliegen kam:
Ganz zu Ende des Krieges durften aber wohl deutsche Häfen nur noch   in Notfällen angelaufen werden.

Gruß

Theo
...ärgere dich nicht über deine Fehler und Schwächen, ohne sie wärst du zwar vollkommen, aber kein Mensch mehr !

Baunummer 509

Vielen lieben Dank, die letzten 2 Berichte haben mir den Start ins Wochenende versüßt.  :-)
57 Seiten (inklusive Bilder) ist der Bericht nun schon stark. Fast schon ein kleines Buch. Du solltest es binden lassen und für ein paar Euro verkaufen!

Insbesondere freue ich mich über die Detailbilder, da ich als technologischen Versuchsträger als nächstes Modellbauprojekt ein Vorpostenboot aus dem zweiten Weltkrieg bauen möchte - den entsprechenden Rumpf habe ich schon.

Gruß

Sebastian

Seekrieg

#27
Hallo Sebastian,
als Modellbauer (Plast 1:72, Dampfmaschine usw.)  freue ich michbesonders über Dein Vorhaben. Deshalb greife ich mal in die "Detailkiste". Möglicherweise helfen Dir ein paar Maße weiter:Vp.Boot 1304
...Unser Schiff hat bei einer Länge von 45 Metern, einer Breite von 7,50 Metern und einem durchschnittlichen Tiefgang von 3,15 Metern 330 Brutto-Register-Tonnen. (Netto-Rauminhalt 125,26 Register-Tonnen = 354,5 m³) Es wurde 1928 als Fischdampfer im Auftrag der ,,Nordsee", Deutsche Hochseefischerei Bremen/Cuxhaven AG Bremen, für rund 350 000 M gebaut, auf den Namen ,,Eisenach" getauft. Eine mittschiffs untergebrachte Dreikolben-Heißdampfmaschine mit zusätzlicher Turbine leistet 780 PS. Damit erreicht das Schiff bei 112 Schraubenumdrehun- gen in der Minute eine Stundengeschwindigkeit von reichlich 11 sm. Die vierflüglige Schraube hat einen Durchmesser von 2,20 m.
Die Aufbauten sind ebenfalls mittschiffs und enthalten die Brücke mit dem Kartenhaus und die Funkstation. Daran schließen sich der Dom, die Maschinenoberlichter und die Kombüse an. Überragt werden die Aufbauten von dem mächtigen Schornstein von 7 m Höhe und den beiden 16 m hohen schlanken Masten. Am vorderen klebt in halber Höhe das klotzige Auge des Scheinwerfers. Der Anstrich des Bootes ist einheitlich grau. Die Armierung besteht aus einer 2 cm-Flak, die achtern postiert ist, einem schweren MG auf der Back und einigen Handfeuerwaffen, die auf der Brücke untergebracht sind. Die Besatzung besteht z. Z. aus dem Kommandanten, 18 Mann seemännischen und 12 Mann technischen Personals. ...
Als Funker, der mit Lötkolben, Blechschere u.a. umgehen konnte, hatte uns Vater während der langen Stunden auf See mehrere Modelle gebaut, u. a. ein Vp.Boot. 2 Generationen überstanden sie aber nicht!
Die Idee mit dem Buch habe ich schon lange, vor allem, weil es über 100 Schreibmaschinenseiten sind (nur 1304)! Aber die Verlage haben kein Interesse. Früher in der DDR waren die Russen die Helden. Da gab es genügend Bücher. Heute, na ja! Wie heißt der Spruch von Montgomery? "Die Geschichtsschreibung ist der zweite Sieg der Sieger über die Besiegten!" Außerdem, es wird ja kaum noch gelesen und die interessierten alten Kameraden verabschieden sich. Leider!
Also, viel Erfolg beim Bau.

Mit Modellbauergruß

Jürgen



Albatros

Zitat von: Seekrieg am 27 August 2011, 13:49:06

Daran schließen sich der Dom, die Maschinenoberlichter und die Kombüse an.

Jürgen


Hallo Jürgen ( Seekrieg),

der Dom , was war das? Und ist Dir der Dienstrang des Kommandanten bekannt ?

Zitat von: TD am 26 August 2011, 19:52:59
zu Schweden....

Bis Ende 1944 liefen die Beziehungen Schweden ./.Deutschland ganz normal ( das genaue Datum habe ich zuhause) dann erließ die schwedische Regierung an einen Nachmittag u.a. das Ausfuhrverbot für die vielen deutschen Handelsschiffsbauten in Schweden. Der Handel mit bestimmten Waren wurde zwar verboten und deutsche Schiffsbesatzungen durften z.B. in schwedischen Häfen nicht mehr von Bord.
Die immer gefährlicher werdenen Besuche deutscher Gewässer erhöhte die schwedische Kriegsversicherug dermassen das fast alle Fahrten für die schwedischen Reeder total unrentabel wurden und somit der Handelsverkehr schon so zum erliegen kam:
Ganz zu Ende des Krieges durften aber wohl deutsche Häfen nur noch   in Notfällen angelaufen werden.

Gruß

Theo

Danke Theo,

Da ich über keine genauen Informationen verfüge kann ich den verschiedenen Thread`s nur entnehmen das es Dir im Augenblick nicht sonderlich Gut geht, daher wünsche ich Dir eine baldige Vollständige Genesung!

:MG:

Manfred

Seekrieg

Hallo,
Deine Fragen kann ich leider erst später nach dem Urlaub beantworten, da ich nicht das ganze Material dabei habe.
Gruß Jürgen

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