Heute vor 70 Jahren - die Versenkung der Scharnhorst

Begonnen von Rheinmetall, 26 Dezember 2013, 02:33:58

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Thorsten Wahl

Zitat von: suhren564 am 30 Dezember 2013, 22:04:46
Zitat von: Thoddy am 30 Dezember 2013, 18:44:03
ZitatDas Flottenkommando erliess erst im März 1945 im
"taktischen Befehl Nr. 10 " eine (ausführliche) "Anweisung für den Gebrauch der Funkmessanlagen an Bord der Überwasserstreitkräfte",
zu einem Zeitpunkt also, wo nur noch ein Teil der einst so stolzen Flotte vorhanden bzw. noch aktionsfähig war." *

der taktische Befehl Nr 10 findet sich auch schon in MDV 326 Taktische Befehle der Flotte 1942 inhaltlich faktisch unverändert.

Heißt dies übersetzt, daß die SKL 1945 den denselben wissenschaftlichen Stand hatte wie 1942??????

ich würde sage "jaein"
von den technischen Daten her, hinsichtlich Reichweite und Genauigkeit scheint es sich bei dem in MDV 326 beschriebenen Gerät um ein Gema FUMO 2 Seetakt Calais A  zu handeln, mit einer kleinen Antenne und TS 1 Senderöhre mit 1 kw Impulsleistung.

Auf den Schlachtschiffen und schweren Kreuzern wurden jedoch Seetakt Gerätesets mit bis zu 4 facher Dipolanzahl (gegenüber Calais A) mit erhöhter Sendeleistung als auch erhöhter Empfangsempfindlichkeit eingesetzt, bei gleichzeitig deutlich erhöhter Aufstellungshöhe. Hierbei ist zu beachten dass diese Sets ab 1941 über Feinpeilzusätze verfügten, die eine Peilgenauigkeit von <0,25° anstelle von 1-2° im Maximumpeilbetrieb mit der gleichen Antenne ermöglichten.

1944 war jedoch auch das Rundsuchgerät Berlin S (mit Panorama Sichtbild) verfügbar, mit zwei Entfernungsbereichen und Reichweite gegen Bodenziele bis zu 40km. Gem. KTB Prinz Eugen konnte dieser bei Emessübungen Sommer/Herbst 1944 die Begleitzerstörer trotz deren geringer Höhe auf Entfernungen über 30 km orten(welches Gerät genutz wurde ist nicht erwähnt) und die FUMB konnten gegnerische Radargeräte bis auf 200km einpeilen.

Meine Herren, es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden – und wehe dem, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert!
WoWs : [FMA]Captain_Hook_

Thorsten Wahl

#31
Technische Daten aus MDV 291  Funkmessgerätkunde sowie Fritz Trenckle Die deutschen Funkmessverfahren. Paar informationen lassen sich auch aus anderen MDVs gewinnen und aus dem AVKS Bericht von Bismarck.

Die Gema Geräte hatten ein Antennendiagram von ca 5 Grad Breite. Das heißt jedes Funkmessstrahlung reflektierende Hindernis produziert in dem Winkelbereich ein Funkmessecho. Wenn die Funkmessantenne direkt auf das Ziel ausgerichtet ist, ist dieses Echo am größten. durch Hin- und Herpendeln der Antennenenausrichtung kann man dieses Maximum auf besagte 1-2° genau bestimmen.

Der Feinpeilzusatz funktioniert etwas anders.
bei dessen Einsatz wird die Empfangsantenne hälftig geteilt geschaltet. Die Ausrichtung der Antennenempfangsdiagramme dieser beiden Hälften ist leicht gegeneinander geschwenkt. Empfängerseitig liegen somit zwei identische Empfangssignale(Sinussignal) vor wenn das Ziel in der Mittelinie der Antenne ausgerichtet ist.
Eins der beiden Empfangsignal wird über eine  lambda halbe Umwegleitung geschleift(dadurch entsteht ein Signal was genau eine halbe Phase gegenüber dem anderen Signal verschoben ist) und beide Signale dann zusammengeführt und verarbeitet. Bei gleicher Signalstärke löschen sich beide Signale aus.

Wenn die Antenne genau auf das Ziel ausgerichtet ist , ist das Zeigt das Beobachtungsrohr eine perfekt zentriert Sattelspannung an . Die Winkelgenauigkeit dieser Anzeige wie im anderen Beitrag erwähnt.

Wenn die Empfangsstärke einer Antennenhälfte jedoch größer als die der anderen ist wandert diese Sattelspannung nach rechts oder links (je nach Lage des Hauptechos) aus . Diese Auswanderung ist proportional zur Winkelabweichung des Zielechos von der Mittellinie. (sieh Anhang)

Einschläge von Artilleriegeschossen modifizieren die Zielechos; parallel mit dem Aufsteigen und Zusammenfallen der Wassersäule entsteht ein pumpendes Zielecho(höhere Signalstärke) abhängig von der Lage dieser zusätzlichen Echos von der Mittellinie wandert das Zentrum ggf kurzzeitig nach links oder rechts aus. Aus der Ablage der Signale kann man jedenfalls Rückschlüsse auf die Lage der Geschosseinschläge ziehen.
Dummerweise haben nur wenige Detaildokumente überlebt um genaueres sagen zu klönnen. Mag sein das sich in der umfangreichen Referenz von Fritz Trenckle oder in   
"GEMA: Birthplace of German Radar and Sonar" Harry von Kroge weitere Details finden lassen

Hinsichtlich der Unterscheidbarkeit von zwei hintereinander liegenden Zielen sagt MDV 326 taktische Befehle Nr 10 dass die Grenze der Unterscheidbarkeit bei 300 m liegt. Diese Angabe ergibt sich aus der Länge für einen Funkmess-Impuls (Rechteckimpuls) von ca 1/1.000.000 s Zeitdauer~300m. Auf dem Entfernungsmessrohr grob entsteht daher ein Signal von 300 m Länge, wenn ein zweites Signal innerhalb der Signallänge des ersten zurückkommt erhält man dort eine Verlängerung des Ziel-Signals man kann aber nicht mehr differenzieren.

Die Signalverarbeitung durch die Meßkette(Entfernung fein) funktioniert etwas anders. Grundlage ist hier die Signalqualität der TS1 Senderöhre diese produziert ein sehr konstantes und gleichförmiges Signal(Frequenz, Dauer, Amplitude). Solcherart gleichförmige Signale können einerseits mit  Signalverstärkern selektiv verstärkt und andererseits auch manipuliert werden wenn man
1)
2 Sinusspannungen von exakt derselben Frequenz und Wellenänge und Phase addieren sich auf, man erhält ein selektiv verstärktes rechteckiges Eingangssignal. Rauschen und Störungen werden von Signalverstärkern ignoriert.
2)
Mischt man 2 Signale derselben Zeitdauer, Amplitude aber mit einem Frequenzunterschied von einer halben Phase über die Laufzeit des Impulses erhält man als Ergebnis ein annäherndes Dreiecksignal mit einem ausgeprägten Maximum in der Mitte.
ich habe mal sowas als bildchen erzeugt

jagt man dieses Signal durch einen Gleichrichter wird die Beule nach unten eliminiert

Wenn ich mir verfügbare Informationen und Blockschaltbild des FUMO 2 anschaue, vermeine ich beide Lösungen zu erkennen. Man erkennt im Blockschaltbild zum FUMO 2 zusätzliche Oszillatoreinheiten, die an der Eingangstufe und an der Mischstufe andocken. Hier müßte man die elektrischen Schaltkreise und Oszillatoren im einzelnen analysieren.

Vielleicht irre ich mich auch. bin ja kein gelernter Elektriker/Radartechniker.

Im Buch von Fritz Trenckle ist ein Ereignis erwähnt, das meines Erachtens die Auflösungsfähigkeit veranschaulicht
"eine 10,5 cm Batterie in Vidgel bei Stavanger feuerte in einer Nacht gesteuert über ein FUMO 2 auf ein unbekanntes Objekt in See. Statt der erwarteten 4 Wassersäulen wurden insgesamt 6-8 Ereignisse beobachtet. Beim Prüfen des Sachverhaltes fand man heraus das die einschlagenden Granaten Minen gezündet hatte"
hieraus ist zu folgern, dass die Auflösung höher sein muss als 300m.
Meine Herren, es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden – und wehe dem, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert!
WoWs : [FMA]Captain_Hook_

AndreasB

Zitat von: AWoelfer am 26 Dezember 2013, 14:18:02
An Alle,

hier mal der komplette Bericht aus dem Jahre 1948 von Kapitän zur See a. D. Helmuth Giessler zum herunterladen:

https://www.wetransfer.com/downloads/853f910d72695519a86331d0bd5c764620131226131143/c7d57f

Viel Spaß beim lesen.

Grüße und einen schönen zweiten Weihnachtsfeiertag.

Andreas

P.S. Falls die Frage auftaucht wegen der Rechte ich hab das Originaldokument bei mir zu Hause. :biggre:

Moin Andreas

Koenntest Du den vielleicht nochmal einstellen?

Vielen Dank!

Alles Gute

Andreas

suhren564

Hallo Thoddy,

es ist interessant zu lesen wie die alles funktionierte.
Aber welchen Wissensstand hatten die maßgeblichen Flaggoffz. und wie sind sie mit ihrem (begrenzten) Wissen umgegangen. Ein Lütjens der die Funkpeilung mißachtete, ein Bey der die Radarortung sträflich unterschätzte, ein Kreisch, der vom U- Bootkrieg nix wußte, ähnlich Peters, der FdU Nord wurde, ohne vorher einmal ein U-Boot von innen gesehen zu haben. MMn. ist die Personalwahl auch mit Schuld daran, daß einige Vorhaben nich geklappt haben.

Gruß Ulf

Nie darf man so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.... 
Erich Kästner

Leopard2A6EX

schließe mich dem an - sehr interessant zu lesen auch wenn ich die technsichen details maximal ansatzweise verstehe

und ja - die beste technik nützt wohl nicht viel ohne das passende personal, wenn es denn so war

AWoelfer

Zitat von: AndreasB am 01 Februar 2014, 21:10:18
Zitat von: AWoelfer am 26 Dezember 2013, 14:18:02
An Alle,

hier mal der komplette Bericht aus dem Jahre 1948 von Kapitän zur See a. D. Helmuth Giessler zum herunterladen:

https://www.wetransfer.com/downloads/853f910d72695519a86331d0bd5c764620131226131143/c7d57f

Viel Spaß beim lesen.

Grüße und einen schönen zweiten Weihnachtsfeiertag.

Andreas

P.S. Falls die Frage auftaucht wegen der Rechte ich hab das Originaldokument bei mir zu Hause. :biggre:

Moin Andreas

Koenntest Du den vielleicht nochmal einstellen?

Vielen Dank!

Alles Gute

Andreas

Kann ich machen.
Nicht länger als sieben Atemzüge soll es dauern,
bis man eine Entscheidung getroffen hat.
(Hagakure)

Tsunetomo Yamamoto


Götz von Berlichingen

Zitat von: suhren564 am 01 Februar 2014, 23:15:02
Hallo Thoddy,

es ist interessant zu lesen wie die alles funktionierte.
Aber welchen Wissensstand hatten die maßgeblichen Flaggoffz. und wie sind sie mit ihrem (begrenzten) Wissen umgegangen. Ein Lütjens der die Funkpeilung mißachtete, ein Bey der die Radarortung sträflich unterschätzte...

Gibt es auch solide Grundlagen für diese nachträgliche Besserwisserei?

Ich halte es keineswegs für erwiesen, daß Lütjens die Funkpeilung mißachtete oder Bey die Radarortung »sträflich unterschätzte«. Allenfalls hat er die britische EloKa (Neusprech), bzw. FuMB-Technik gewaltig überschätzt, wenn man den britischen Nachkriegsbehauptungen Glauben schenken soll, was ich nicht tue.

Daß die »maßgeblichen Flaggoffiziere« die Wichtigkeit der FuMO-Technik spätestens seit 1940 anerkannten, ist m.E. erwiesen, m.E. ebenso, daß Du die damaligen deutschen Kommandeure ständig als idiotische Volldeppen darzustellen versuchst.

Matrose71

Leider sprechen die Ereignisse in der Realität eine deutlich andere Sprache.

Lütjens brach die Funkstille, obwohl er nicht mehr in Reichweite des britischen Radars war, ohne seinen langen Funkspruch ist es sehr fraglich, ob Wake Walker und Suffolk/Norfolk die Fühlung jemals hätte wieder herstellen können inklusive Trägerangriff.

Bey hat m.M nach komplett versagt, DoY wäre niemals bis auf 10km an Scharnhorst herangekommen, vor der ersten Feuereröffnung, wenn er wenigstens Intervallweise sein Radar  benutzt hätte.

Beides waren schwerwiegende Fehler.
Komischerweise hat das Topp mit Scheer wesentlich besser gelöst und auch sein Radar benutzt.
Viele Grüße

Carsten

Götz von Berlichingen

Zitat von: Matrose71 am 02 Februar 2014, 14:53:33
Leider sprechen die Ereignisse in der Realität eine deutlich andere Sprache.

Lütjens brach die Funkstille, obwohl er nicht mehr in Reichweite des britischen Radars war, ohne seinen langen Funkspruch ist es sehr fraglich, ob Wake Walker und Suffolk/Norfolk die Fühlung jemals hätte wieder herstellen können inklusive Trägerangriff.

Bey hat m.M nach komplett versagt, DoY wäre niemals bis auf 10km an Scharnhorst herangekommen, vor der ersten Feuereröffnung, wenn er wenigstens Intervallweise sein Radar  benutzt hätte.

Beides waren schwerwiegende Fehler.

M.E. beides falsch:

Zu Lütjens habe ich das hier mal ausführlich dargestellt:

http://www.forum-marinearchiv.de/smf/index.php/topic,8738.msg152947.html#msg152947

Kurz gefaßt: Ich bezweifle, daß das angebliche "Abschüttlungsmanöver" von BS (Drehen eines Dreiviertelkreises im Kielwasser von Norfolk, Suffolk und Prince of Wales) tatsächlich so stattgefunden hat, wie von den Briten immer behauptet und daß somit der dt. Flottenstab sich gar nicht bewußt war, daß die Fühlung abgerissen war. Somit hat Lütjens in seinen Augen auch keinen Grund gehabt, den langen Funkspruch nicht abzusetzen, denn wenn er den Funkschlüssel für sicher hielt, war es belanglos, ob er vom Feind eingepeilt wurde, da ihm sein Standort ohnehin durch die ständigen Fühlungshaltermeldungen bekannt war. Nachdem er von der Gruppe West per FT darauf hingewiesen worden war, daß lt. Ansicht Gruppe West Fühlung abgerissen, hat er nicht mehr geantwortet und fortan Funkstille gehalten.

Zu Bey:

Wir haben doch diesen ganzen Thread hindurch ausführlich darüber diskutiert, daß Bey vor dem ersten Gefecht (mit Norfolk) das FuMO (aus Sorge vor gegnerischen FuMB) noch nicht einschalten lassen hatte.
Mit Duke of York hat das überhaupt nichts zu tun, da das Vormars-FuMO sofort beim ersten Gefecht mit Norfolk durch Trefferwirkung ausfiel. Folglich konnte es Bey auf dieser Unternehmung dann auch nicht mehr benutzen.  :roll:


Zitat von: Matrose71 am 02 Februar 2014, 14:53:33
Komischerweise hat das Topp mit Scheer wesentlich besser gelöst und auch sein Radar benutzt.

Topp? Meinst Du Krancke?

Matrose71

Ja sorry ich meinte Krancke!

Deine Ausführung zu Bey entsprechen aber nicht den ganzen Tatsachen!
Er hatte immer noch sein zweites Funkmeßgerät, dass bei entsprechender Steuerung des Schiffes den ganzen Horizont abdecken konnte, dass vergisst du zu erwähnen.

Nach dem Gefecht mit den Kreuzern dass verbliebene FUMO nicht mehr einzuschalten, war ein grober Fehler, eher schon eine bodenlose Dummheit. Und behaupte jetzt bitte nicht das ging nicht, da SH mit diesem verbliebenen FUMO genaues Blindfeuer auf 19km schiessen konnte.

Bey hatte .m.M keinen wirklichen Plan von der Technik und wie er sie taktisch verwenden sollte/musste.

Bei Lütjens liegt der Fall ähnlich, bei einer solchen Operation, bei der man die ganze Zeit versucht den Fühlungshalter los zu werden, unterlässt man es tunlichst dem Feind, durch irgendwelche Aktionen zu helfen, auch wenn man glaubt durch Radarecho immer noch geortet zu werden.

Der Funkspruch war unnötig und falsch, egal was Lütjens glaubte, man macht so etwas taktisch einfach nicht.
Viele Grüße

Carsten

Urs Heßling

#41
moin,

Zitat von: Matrose71 am 02 Februar 2014, 16:21:02
Nach dem Gefecht mit den Kreuzern dass verbliebene FUMO nicht mehr einzuschalten, war ein grober Fehler, eher schon eine bodenlose Dummheit. Und behaupte jetzt bitte nicht das ging nicht, da SH mit diesem verbliebenen FUMO genaues Blindfeuer auf 19km schiessen konnte.
Erstens ist es denkbar, daß Bey sich auf dem Rückmarsch der feindlichen Funkbeobachtung entziehen wollte. Die Entscheidung: Radareinsatz oder -stille wurde auch in den 70er Jahren beim Einsatz in der Ostsee immer wieder diskutiert. Eine "Verurteilung" im Nachhinein wegen Mißerfolgs gefällt mir nicht.
Zweitens hätte sich eine Radarnutzung - die dann bei einem "Schlangenkurs" zur Abdeckung des Vorausbereichs durch das achtere FuMO die Vormarschgeschwindigkeit durchaus um 1-2 kn verringert hätte - letztlich nichts genutzt, denn in der Situation, in der "Scharnhorst" die DoY hätte entdecken können (Annahme: etwa zeitgleich mit der Radarauffassung der SH durch DoY) war die Gefechtssituation schon entscheidend zuungunsten Beys gestaltet. Aber eine Verringerung der Vormarschgeschwindigkeit der SH am Nachmittag hätte Fraser in eine noch vorteilhaftere Lage gebracht.

Zitat von: Matrose71 am 02 Februar 2014, 16:21:02
bei einer solchen Operation, bei der man die ganze Zeit versucht den Fühlungshalter los zu werden, unterlässt man es tunlichst dem Feind, durch irgendwelche Aktionen zu helfen, auch wenn man glaubt durch Radarecho immer noch geortet zu werden. Der Funkspruch war unnötig und falsch, egal was Lütjens glaubte, man macht so etwas taktisch einfach nicht.
Lütjens mag sich als Flottenchef verpflichtet gefühlt haben, die Skl. über seine Situation zu unterrrichten. Außerdem war dieser Funkspruch nicht taktisch, sondern operativ.

Im nachhinein lassen sich Jellicoe am Skagerrak, Lütjens mit Bismarck, Kimmel in Pearl Harbor, Harwood mit VIGOROUS, Pound mit PQ.17, Kummetz an der Bäreninsel, Bey am Nordkap, und Kurita bei Samar gut kritisieren  :|

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Matrose71

#42
Sorry Urs,

aber so einfach ist es m.A. nach nicht.

SH wurde komplett überrascht und das Feuer wurde auf 10km eröffnet, wenn Bey, DoY auf 20km geortet hätte, wäre es für SH ein leichtes gewesen sich mit ihrer Geschwindigkeit dem Schlachtschiffverband zu entziehen. Komischerweise haben andere Kommandanten zuminstestens Intervallweise ihr Radar benutzt, dass tat Bey nachdem Kreuzergefecht wohl überhaupt nicht.

Für mich ist die völlige "EMCOM" in einer so unüberschaubaren Situation nicht nachvollziehbar.

In jedem Schriftstück, dass ich über den Einsatz deutscher Dickschiffe gelesen habe, ist immer wieder davon die Rede, wie schnell die FUMO's mal ausfallen konnten, durch alle möglichen Ereignisse, inklusive Witterungsbedingen, Vibrationen etc. und das mal für kurze oder längere Zeit. Gerade auch bei der Operation Berlin und auch bei den Norwegenunternehmungen. Das hätte Lütjens wissen müssen und m.A. nach war es ihm bekannt, warum sollte das dem Gegner nicht passieren?

Man versucht die ganze Nacht den Gegner abzuschütteln und am Morgen teilt man ihm mit solch einem langen Funkspruch seine exakte Position mit?

Für mich nicht nachvollziehbar.
Viele Grüße

Carsten

Götz von Berlichingen

#43
Zitat von: Matrose71 am 02 Februar 2014, 16:21:02
Ja sorry ich meinte Krancke!

Deine Ausführung zu Bey entsprechen aber nicht den ganzen Tatsachen!
Er hatte immer noch sein zweites Funkmeßgerät, dass bei entsprechender Steuerung des Schiffes den ganzen Horizont abdecken konnte, dass vergisst du zu erwähnen.
Nach dem Gefecht mit den Kreuzern dass verbliebene FUMO nicht mehr einzuschalten, war ein grober Fehler, eher schon eine bodenlose Dummheit.

Das achtere FuMO war eingeschaltet:

»Sie erwiderte das Feuer nicht sofort, die ersten Salven waren außerdem unsicher. - Nach den weiter unten angeführten Berichten von [Matrosengefreitem] Sträter und [Obermaat] Gödde hatte das achtere Funkmeßgerät den Gegner kurz vor dessen Feuereröffnung aufgefaßt und gemeldet. Offenbar geschah dies aber so kurze Zeit vorher, daß die Geschütztürme der Scharnhorst bei Aufleuchten der ersten Leuchtgranaten noch nicht geschwenkt waren.«
Quelle: Heinrich Bredemeier, »Schlachtschiff Scharnhorst«, Heyne, München 1982, S. 286 f.

Bericht Obermaat Gödde:
»Gegen 15:45 Uhr wurde erneut Alarmbereitschaft befohlen. 16:00 Uhr Alarm.
Der Kommandant sprach selbst durch das Artillerie-Leittelefon und sagte etwa folgendes:
"Kameraden, wir sind noch nicht aus dem Schlamassel raus. Ganz scharf Ausguck halten. Ihr wißt, wir haben schon seit Mittag dauernd einen Fühlungshalter hinter uns, den wir nicht abschütteln können. Funkmeß meldet soeben Ziele an Steuerbord. Aufpassen, es geht gleich los!" [...]«

[Bredemeier, a.a.O., S. 292]

»Anderthalb Stunden hindurch geschieht nichts Besonderes.  Gödde dreht sein Gerät [vordere Zielsäule] in die Vorausrichtung und hört, wie von dem achteren Funkmeß mit ruhiger Stimme laufend die Entfernungen zu den Fühlungshaltern in den Stand gesagt werden. [...]
Auf einmal hört Gödde zwischen den laufenden Meldungen den Anfang einer mit erregter Stimme gegebenen ungewohnten Durchsage des achteren Funkmeß. Unmittelbar darauf spricht der Kommandant:
[weiter wie oben zitiert, Anm. GvB]
Quelle: »Tragödie am Nordkap. Die letzte Feindfahrt des Schlachtschiffes Scharnhorst«, SOS-Heft Nr. 145, Pabel, Rastatt Juni 1981, S. 37

Zitat von: Matrose71 am 02 Februar 2014, 16:21:02
Und behaupte jetzt bitte nicht das ging nicht, da SH mit diesem verbliebenen FUMO genaues Blindfeuer auf 19km schiessen konnte.

Bey hatte .m.M keinen wirklichen Plan von der Technik und wie er sie taktisch verwenden sollte/musste.

Wie oben gezeigt, war das achtere FuMO eingeschaltet, aufgrund der niedrigeren Augenhöhe war aber die Reichweite nicht mit der des Radars der Engländer zu vergleichen: Duke of York faßte SH auf 425 hm auf! [Bredemeier, a.a.O., S. 286]

Zitat von: Matrose71 am 02 Februar 2014, 16:21:02
Bei Lütjens liegt der Fall ähnlich, bei einer solchen Operation, bei der man die ganze Zeit versucht den Fühlungshalter los zu werden, unterlässt man es tunlichst dem Feind, durch irgendwelche Aktionen zu helfen, auch wenn man glaubt durch Radarecho immer noch geortet zu werden.

Der Funkspruch war unnötig und falsch, egal was Lütjens glaubte, man macht so etwas taktisch einfach nicht.

Teilweise Zustimmung:
Unerklärlich ist auch für mich, daß Lütjens für die Abfassung des berüchtigten langen Funkspruchs über 24 Stunden brauchte. Als die Fühlungshalter den ganzen 24. Mai über noch in Sichtweite waren, hätte er ihn ohne Bedenken absetzen können (soooo lang war der Klartext ja auch nicht, daß man daran einen ganzen Tag tüftelt).

Aber, da nach meiner Meinung das berühmte Absetzmanöver gar nicht stattgefunden hat (und ich darüber hinaus der Ansicht bin, daß BS höchstwahrscheinlich kein FuMB an Bord hatte (wenn, dann hat möglicherweise das Funkmeßpersonal improvisiert - es war ja auch wichtig, die Wellenlänge des britischen Radargeräts herauszufinden, von dem Lütjens ja so beeindruckt war, daß er es in dem berüchtigten langen Funkspruch ausdrücklich erwähnte) ist meiner Meinung auch die Geschiche von den engl. Funkmeßimpulsen, die auf BS empfangen wurden, so daß man sich immer noch beschattet glaubte, eine Legende - die einfache Tatsache, daß die Impulse auch wieder zum Sender zurück müssen, war natürlich auch dem deutschen Funkmeßpersonal bekannt), war sich m.E. Lütjens und der Flottenstab nicht bewußt, daß sie dem Feind einen so großen Dienst erwiesen.

Ich werfe ihnen deshalb eigentlich nur vor, daß sie den Funkspruch nicht bei Tage am 24. Mai absetzten, als sie die Mastspitzen der Fühlungshalter mit dem Vormars-Entfernungsmesser sehen konnten, sondern erst nachts. Zum (Un-)glück für BS war da die Fühlung abgerissen, m.E. ohne das berühmte "Abschüttlungsmanöver" - und deshalb ahnte man auf Brücke/Admiralsbrücke von BS davon nichts.

Daß die deutschen höheren Seeoffiziere die Bedeutung der Funkmeßtechnik nicht kannten, widerlegt doch gerade auch dieses berüchtigte lange Bismarck-FT:

»0018 Uhr, den 25. Mai 1941
Abschütteln Fühlung wegen feindl. DeTe-Gerät unmöglich. Wegen Brennstoff ansteuern St. Nazaire direkt. - Flottenchef«
¹

»Uhrzeitgruppen 04:01, 04:17, 04:28, 04:43
Vorhandensein DeTe-Gerät beim Gegner, Reichweite mindestens 350 hm, beeinträchtigt Operationen im Atlantik im stärksten Maße. Schiffe wurden in der Dänemarkstraße im dichten Nebel geortet und nicht mehr losgelassen. Loslösung mißlang trotz günstiger Wetterbedingungen. Ölübernahme allgemein nicht mehr möglich, wenn nicht durch erhöhte Geschwindigkeit Absetzen durchführbar.
Laufendes Gefecht zwischen 208 und 180 hm. Gegner HOOD, Feuervereinigung auf BISMARCK; HOOD nach fünf Minuten durch Explosion vernichtet, danach Zielwechsel auf KING GEORGE V, die nach sicher beobachtetem Treffer unter Schwarzqualmen abdrehte und mehrere Stunden aus Sicht war. Eigener Munitionsverbrauch 93 Schuß. KING GEORGE V nahm danach Gefecht nur noch auf größte Entfernung an. BISMARCK zwei Treffer von KING GEORGE V, davon einer durch Unterschießen Seitenpanzer Abt. XIII und XIV. Treffer Abt. XX bis XXI minderte Geschwindigkeit und verursachte 1 Grad Tiefertauchen vorn und Ausfall Ölzellen. Lösung von PRINZ EUGEN durch Ansatz des Schlachtschiffes im Nebel gegen Kreuzer und Schlachtschiff ermöglicht.
Eigenes EM-2-Gerät störanfällig, besonders beim Schießen.«
²

Antwort der Gruppe West:

»1125 Uhr, den 25. Mai 1941

Letzte Fühlungmeldung Feind 0213 Uhr von K3G. [=Suffolk, Anm. GvB]
Danach Anhalten dreistellig taktischer Funksprüche, aber keine offenen Standortmeldungen mehr. 0550 Uhr ein Standort zwischen 55 und 56 Grad. Es besteht Eindruck, daß Fühlung abgerissen. Wiederholung Operationsfunksprüche an Bermuda und Halifax, dagegen nicht an Gibraltar, bzw. Force H, die Ostatlantik vermutet wird. - Gruppe West«
³

Anm.:
1 = Faksimile in: Mike J. Whitley, »Deutsche Großkampfschiffe«, Motorbuch, Stuttgart 1997, S. 178
2 = Jochen Brennecke, »Schlachtschiff Bismarck«, Köhler, Hamburg 1997, S. 331
3 = Whitley [Anm. 1], S. 179

Urs Heßling

moin,

Zitat von: Matrose71 am 02 Februar 2014, 17:14:22
wenn Bey, DoY auf 20km geortet hätte, wäre es für SH ein leichtes gewesen sich mit ihrer Geschwindigkeit dem Schlachtschiffverband zu entziehen.
Das ist eine Behauptung, für die ich den mathematischen Beweis sehen möchte  :wink:.
Entscheidend für die Vernichtung der Scharnhorst waren meines Wissens
- der mögliche/diskutierte 14"-Treffer der DoY (oder technische Versager in der Maschine), der zur Herabsetzung der Geschwindigkeit führte
- die Torpedotreffer der Zerstörer.

Beides sehe ich auch bei einem früheren Ausweichen der SH auf Ostkurs als möglich an.

Du meinst vermutlich nicht EMCON, sondern EMCON SILENCE.

"Für mich nicht nachvollziehbar" ist vollkommen OK top, da sind wir nahe beieinander, aber Dein "bodenlose Dummheit" oder "so etwas macht man einfach nicht" half der Diskussion nicht.

Gruß, Urs

"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

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